Schwabenballisten e.V. https://www.schwabenballisten.de Des ghört so! Thu, 08 Sep 2022 07:21:35 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.6 Pro und Contra: Bringt Marco Rose dauerhaften Erfolg? https://www.schwabenballisten.de/fussball/pro-und-contra-bringt-marco-rose-dauerhaften-erfolg/ Thu, 08 Sep 2022 07:21:33 +0000 https://www.schwabenballisten.de/?p=369 Pro und Contra: Bringt Marco Rose dauerhaften Erfolg? Weiterlesen »

]]>
PRO: „Ein Leipziger Jung mit Stallgeruch“ (von Hütchen-Uli)

Der verlorene Sohn kehrt heim. Mit Marco Rose kommt ein Trainer, der das Gesamtpaket abbildet, das RB Leipzig für den „nächsten Schritt“ benötigt: Erfahren, sozial kompetent und mit Stallgeruch, ein Mann aus Leipzig für Leipzig, der mit Max Eberl die Chance hat, die Rasenballsportler in eine neue Ära zu führen.

Domenico Tedesco hat sportlich nach der katastrophalen Hinrunde 21/22 viel bewegt und dem Verein den ersten Titel beschert – ein Umstand, an dem Rangnick, Nagelsmann und Co. gescheitert sind. Menschlich ist Tedesco in Leipzig allerdings nie angekommen: sowohl zu den Fans (siehe „Stimmungskritik“ und Loblied auf die „Traditionsvereine“) pflegte er ein distanziertes Verhältnis wie auch in der Mannschaft kam er nie in der Breite an. Mit Marco Rose wird ein neuer Wind einziehen: er kommt aus Leipzig und baut dort aktuell auch für seine Familie ein dauerhaftes Heim, er identifiziert sich mit der Stadt und seinen Menschen. Er stellt sich vor seine Mannschaft und ist in der Lage, eine Gruppe orchestrieren.

Gerade seine Zeit bei Borussia Mönchengladbach hat gezeigt, wo der Weg mit einem Trainer Marco Rose hingehen kann: die Mannschaft trat als geschlossene Einheit auf und war mehr als die Summe seiner Einzelspieler. Im ersten Jahr erreichte er mit nur einem Punkt Rückstand auf die von Nagelsmann trainierten Rasenballsportler Rang 4 und damit die Champions League. Auch im Folgejahr spielte die Borussia furios. Der Erfolg blieb erst aus, nachdem Roses Wechsel zu Borussia Dortmund spruchreif wurde und er als „Lame Duck“ in ein ähnliches Loch fiel wie Nagelsmann, nachdem sein Abgang zu Bayern feststand.

Marco Rose hat gezeigt, dass seine Teams schnörkellos auf hohem technischen Niveau spielen können, er hat aus Spielern wie Plea, Thuram und Embolo das Beste herausgeholt und ihre Stärken auch im Kombinationsspiel zur Geltung gebracht, er fand auch im Ballbesitz gute Lösungen und betrachtet Ballbesitz nicht als Selbstzweck. Gepaart mit gut koordiniertem Gegenpressing findet sich in Roses Spiel die viel beschworene „RB-DNA“ wieder: kein Wunder, schließlich war er bei Red Bull Salzburg nicht nur mehrere Jahre Jugendtrainer (gekrönt vom Gewinn der UEFA-Youth-League), sondern auch zwei Jahre Cheftrainer und entwickelte die Spieler in dieser Zeit merklich weiter. Noch heute wird in Salzburg über Rose (im Gegensatz zu Marsch) in höchsten Tönen gesprochen.

Als Ex-Profi ist er nah an den Spielern und nicht zu „verkopft“, ohne dabei ins Gegenteil zu verfallen: er findet die Balance zwischen klassischem Fußball und modernen Konzeptionen. In Zusammenarbeit mit Max Eberl, mit dem er bei Mönchengladbach eng zusammengearbeitet hat, kann er auch die Unwuchten im RB-Kader mittelfristig beheben. Während die sportliche Leitung von RB in diesem Sommer Transfers teilweise über den Kopf von Tedesco hinweg aus kaufmännischen Erwägungen durchgezogen hat, darf erwartet werden, dass die Abstimmung und Zielrichtung von Rose und Eberl aufeinander abgestimmt sind. So wird diese Verpflichtung mit guter Wahrscheinlichkeit kein Stückwerk bleiben, sondern Grundlage für eine gute mittelfristige Entwicklung, an deren Ende wieder erkennbar sein wird, für welchen Fußball Rasenballsport Leipzig steht.

CONTRA: „Romantik löst die Probleme nicht“ (von Fauler Zauber)

Marco Rose ist ein guter Trainer, er kennt das Umfeld und auch den „Red Bull Konzern“, bei Red Bull Salzburg hat er zwei Jahre hervorragende Arbeit geleistet und überzeugte auch in Gladbach 1 1/2 Jahre bis zur Ankündigung seines Dortmund-Wechsels. Trotzdem ist er der falsche Trainer, um RB Leipzig mittelfristig auf Kurs zu bringen, der Verein braucht vielmehr einen „Nagelsmann 2.0“.

Kurzfristig ist Marco Rose zuzutrauen, das schlingernde Schiff der Rasenballsportler wieder auf Kurs zu bekommen. Der Kader des amtierenden Pokalsiegers mag in diesem Transfersommer „Unwuchten“ bekommen haben, trotzdem steht dem Übungsleiter ein Spielerreservoir mit viel individueller Qualität und ausreichend taktischen Möglichkeiten zur Verfügung. Die sportliche Talfahrt resultiert nicht aus mangelnder Aufstellung oder gar Qualität, sondern ist mental bedingt. Die Spieler bringen ihre Fähigkeiten nicht auf den Platz. Woran es liegt, ist von außen nicht zu beurteilen, es spricht aber viel für Defizite im zwischenmenschlichen oder kommunikativen Bereich zwischen Trainer und Mannschaft. Diese Blockade könnte Marco Rose sicher schnell lösen. Zudem wäre die Zusammenarbeit mit dem designierten neuen Sportvorstand, Max Eberl, fruchtbar.

Mir fehlt jedoch die Phantasie, wie Rose die mittelfristige Entwicklung positiv gestalten soll. Seine Befürworter führen an, dass Rose „Stallgeruch“ habe und in Salzburg (und phasenweise bei Gladbach) ein formidables Pressingsystem gespielt habe, das die „RB-DNA“ zurückbringe. Dieser romantisierende Wunsch erinnert an die Erwartungen, die die Verpflichtung von Jesse Marsch bei seinen Anhängern ausgelöst hat. Die Realität holte sie schnell ein, was zum einen an der Starrsinnigkeit und Eindimensionalität Marschs gelegen haben mag, zum anderen aber auch an der Tatsache, dass der RB-Kader sowohl alterstechnisch als auch von der Zusammensetzung der Spielertypen diesem Fußballansatz entwachsen ist. Auch ein Spitzenteam mit Edeltechnikern kann situativ ein gutes Gegenpressing spielen (siehe die Teams von Pep Guardiola), es setzt trotzdem voraus, dass das Team im Übrigen in Ballbesitz Lösungen entwickeln kann. RBL hat hierzu die Spieler und im zweiten Jahr unter Nagelsmann hierzu exzellente Ansätze entwickelt. Wirklich erfolgsversprechend – so man dauerhaft im Konzert der Großen Europas mitspielen will – ist der Ausbau dieser Qualitäten.

In seinen bisherigen Stationen hat Marco Rose es nicht vermocht, diese Qualitäten zur Geltung zu bringen. Insbesondere mit dem vergleichbar spielstarken Kader von Borussia Dortmund schaffte es Rose nicht, das spielerische Potenzial dauerhaft auf den Platz zu bringen und jenseits der individuellen Qualitäten von Erling Haaland und Co. zu überzeugen. Viel wesentlicher ist zudem, dass er weder in Gladbach noch in Dortmund in der Lage war, die richtige Balance zwischen Offensivspiel und defensiver Stabilität zu finden, was sich in extrem hohen Gegentorzahlen in den letzten zwei Jahren widerspiegelte. Diese Balance zu finden, dürfte jedoch der Schlüssel zu einer erfolgreichen Entwicklung bei RB Leipzig sein.

Fraglich ist auch, ob Rose dauerhaft mit Spielern arbeiten kann, die sich selbst als „Stars“ sehen. Bei Borussia Dortmund ist er auch an der Führung einer solchen Mannschaft gescheitert und muss in Leipzig daraus die richtigen Schlüsse ziehen in Anbetracht des Aufgebotes in der RB-Offensive. Sollte Rose an dieser Aufgabe scheitern, könnte er nicht nur seine Position beschädigen, sondern auch die des langfristigen RB-Hoffnungsträgers Max Eberl, der als Vertrauter Roses gilt und auf den ein Misserfolg auch dann abfärben dürfte, wenn er am Auswahlprozess noch gar nicht beteiligt gewesen sein sollte.

Last but not least stehen Rose mit Zickler, Geideck und Kurth keine starken Co-Trainer zur Seite, sondern maximal solide Helfer. Roses „Mastermind“ aus früheren Zeiten, der Taktikexperte Rene Maric, ist inzwischen in Leeds, wo er bei Jesse Marsch dessen Leerstelle aus Leipziger Zeiten (taktische Tiefe) beheben soll.

Die Rasenballsportler haben die Chance vertan mit Thomas Tuchel (und Co-Trainer Zsolt Löw) einen verfügbaren Trainer zu verpflichten, der die von Nagelsmann angeschobene Entwicklung wieder hätte aufgreifen können und der in mehreren Stationen beim BVB, PSG und Chelsea gezeigt hat, dass er defensive Stabilität etablieren und trotzdem Kreativspieler einbinden kann. Durch seine Erfolge hätte er ein Standing vorzuweisen, das ihn für die Mannschaft schwer angreifbar gemacht hätte. Die jetzige Verpflichtung wird die vorhandenen Probleme überdecken und nicht lösen.

]]>
Zeit, Farbe zu bekennen https://www.schwabenballisten.de/fussball/zeit-farbe-zu-bekennen/ Sun, 27 Feb 2022 21:50:15 +0000 http://www.schwabenballisten.de/?p=330 Zeit, Farbe zu bekennen Weiterlesen »

]]>
I dream the rain will cease
I dream the clouds will pass
I
dream the pain will ease
I dream that my dream comes fast
I dream shadows have light
I dream for peace tonight
and I dream of an end of war –
have you dreamt this dream befor
e“
(aus „Gold“ von East 17)

RB Leipzig und Politik: kein neues Thema, ich habe es bereits 2018 im Blog „Keine Politik im Stadion“ behandelt. Damals war die Positionierung zu Rassismus und Rechtsextremismus Thema. Die Kritik hat sich der Verein Rasenballsport Leipzig offenbar zu Herzen genommen, in den letzten drei Jahren machte der Verein deutlich, dass für Rassismus und Diskriminierung aufgrund Ethnie, Herkunft, Religion und sexueller Orientierung kein Platz sein soll. Lobenswert ist, dass die Social Media-Abteilung diese Botschaften auch in professioneller Weise an den Mann bzw. die Frau bringt.

Dass es mit der Umsetzung im Alltag nicht immer einfach ist, zeigte der sehr „unglückliche“ Umgang mit asiatischen Zuschauern zu Beginn der COVID-19-Pandemie in der Red Bull-Arena. Wir wollen aber an dieser Stelle nicht in alten Wunden stochern. Der Verein hat zumindest eine positive Sensibilisierung entwickelt.

Am 24.2.2022 erlebten wir die „Zeitenwende“, wie es Bundeskanzler Scholz in seiner heutigen Regierungserklärung beschrieb. Truppen der russischen Föderation starteten im Rahmen eines Angriffskrieges eine Invasion der Ukraine, um eigene geostrategische Interessen zu verfolgen – oder deutlicher gesagt: um nationalistischen-imperialistischen Großmachtsphantasien zu frönen. Es stellt einen epochalen Bruch der europäischen Friedensordnung dar, eine Aggression, die wenige in diesem Umfang für möglich gehalten hätten.

Niemand möchte Krieg, auch der Aggressor nicht, der selbst von einer „begrenzten militärischen Aktion in den Volksrepubliken Donezk und Lugansk“ spricht. Sich gegen Krieg auszusprechen, ist einfach. Für Frieden zu werben entsprechend ebenfalls. Ein Statement wie „Wir sind gegen jede Art von Gewalt und Krieg“ bedarf keines Mutes, den Satz wird jeder unterschreiben, es tut niemandem weh.

Das Statement von RB Leipzig lässt zwar Empathie für die angegriffene Ukraine erkennen und hebt die Erfahrungen mit der Ukraine hervor, bewertet den „Konflikt“ als solchen jedoch nicht. Das wäre in Ordnung, wenn es sich um einen militärischen Konflikt handeln würde, zu dem sich beide Seiten zumindest annähernd gleichwertig aufgeschaukelt haben. Ein Fußballverein muss in solchen Fällen nicht Partei ergreifen, sondern verweist zurecht auf die friedensstiftende Wirkung des Sports.

Im vorliegenden Konflikt ist das Statement hingegen unangemessen, da Krieg als „in jeder Form inakzeptabel“ die Landesverteidigung der Ukrainer mit der – offensichtlich durch nichts gerechtfertigten – Invasion Russlands gleichsetzt. In einem derart eindeutigen Fall ist nicht Partei zu ergreifen nicht nur feige, sondern dient dem Aggressor. Die Wahrheit liegt nicht immer in der Mitte – auch hier nicht.

Glücklicherweise hat sich ein anderer Profiverein derart mit seinem Statement verrannt, dass sich das Statement von RB Leipzig noch positiv abzuheben scheint. Der 1.FC Heidenheim, dessen Quasi-Eigentümer „Voith“ und „Hartmann“ offenbar ungestört weiter Geschäfte in der russischen Föderation machen möchten, ließen sich zu diesem peinlichen Statement hinreißen:

Ich weiß nicht, ob ich jemals fassungsloser war als nach der Lektüre des Heidenheimer Statements. Weder sportlich noch gesellschaftlich sollte der FCH Maßstab für die Rasenballsportler sein. Andere Vereine schafften deutlichere Botschaften, Eintracht Frankfurt ließ zum Beispiel prominent auf der Anzeigetafel „Stop it, Putin“ vermelden. Ein schönes Beispiel für ein ausführliches und gelungenes Statement ist das des Basketball-Zweitligisten Wiha Panthers Schwenningen, der gemeinsam mit dem Gastteam Rasta Vechta vor dem Spiel zur Schweigeminute folgenden Text an den Mann bzw. die Frau brachte:

Beide Teams zeigten vor dem Spiel Zettel mit der Aufschrift „No war“, um das Statement zu unterstreichen:

Bei der Partie VfL Bochum gegen RB Leipzig wartete man vergeblich auf ein vergleichbares Statement. Der Vorgang wurde als „Business as usual“ abgehandelt und eine Chance verpasst, Haltung zu zeigen.

Da es sich auch andere Sportvereine mit wenig aussagekräftigen Statements bequem gemacht haben, wäre all das eine Randnotiz geblieben und hätte vermutlich keinen Blogbeitrag nötig gemacht. Das Schicksal wollte es am vergangenen Freitag jedoch so, dass den Rasenballsportlern im Achtelfinale der „Europa League“ der verbliebene russische Vertreter Spartak Moskau zugelost wurde und Leipzig damit die unbequeme Aufgabe zuteil wurde, sich der Frage zu stellen, wie mit dem problematischen Los umzugehen ist. Kann man einem Verein sportlich eine Bühne bieten, dessen Land einen invasorischen Angriffskrieg gegen sein Nachbarland führt?

Bei RB Leipzig einigte man sich auf die Sprachregelung „dumm gelaufen, wir nehmen es sportlich“:

Der Verein vermeidet weiter eine klare Ansage gegenüber Russland, spricht nur von einem „Konflikt“ und zieht im Übrigen den Kopf ein. Durch das Los steht RB Leipzig nunmehr im internationalen Focus und so stellt man sich in der Stadt von Auerbachs Keller einer neuen „Gretchenfrage“: „Sag mir, wie hältst Du es mit dem Duell mit dem russischen Bären?“

Man könnte es sich einfach machen und auf die Verpflichtungen aus den Verträgen mit der UEFA verweisen. Weigert sich RBL anzutreten, kommt Spartak kampflos weiter, RBL ist Moskau und der UEFA gegenüber schadensersatzpflichtig, es würde ferner eine Sperre für die kommenden Jahre drohen.

Dieser Positionierung gegenüber steht die Ansage des polnischen Fußballverbandes, der ankündigte, im Playoff zur WM-Qualifikation das Duell mit Russland zu verweigern, um Haltung zu zeigen. In der Folge zeigten sich auch weitere Teams solidarisch, unter anderem auch das schwedische Nationalteam um RB-Ikone Emil Forsberg. Das WM-Playoff-Duell ist keinesfalls minder bedeutsam als das K.O.-Rundenduell in der Europa League, sodass sich RB der Messlatte stellen sollte.

Fast reflexartig zog die Positionierung die klassischen Kritiker des „Projekts“ auf den Plan. Eine Diskussion mit Köster & Co. ist sicher müßig. Doch es gibt auch sachbezogene Kritik: die Leipziger Journalistin Grit Hartmann führte die Diskussion dezidiert mit mehreren RB-Fans auf Twitter:

Die wesentlichen Argumente: es sei zu einfach, sich hinter der UEFA und deren Geschäftsinteressen zu verstecken, es entbinde nicht davon, sich mit der Verantwortung auseinanderzusetzen, ob man einem russischen Verein in dieser Situation eine Bühne bieten dürfe. In anderen Sportarten (Jokerit Helsinki, KHL, Eishockey – Zielona Gora, VTB-League, Basketball, u.a.) hätten sich aus lukrativen Wettbewerben mit russischen Teams zurückgezogen.

Es ist müßig zu diskutieren, ob die finanziellen Konsequenzen vergleichbar sind, denn die Teams können weiter in ihren nationalen Ligen und im Europapokal antreten, jedoch ist der Eindruck „Klappe halten, um den wirtschaftlichen Erfolg nicht zu gefährden“ zu einfach und zu billig. Was RB Leipzig versäumt, ist die Fakten in Bezug auf den russischen Angriffskrieg klar zu benennen und deutlich zu machen, dass man eine weitere Teilnahme von Sportvereinen aus Aggressorstaaten entgegentritt.

Schließlich mutmaßt die Journalistin im Stile der „Kritiker“, Rasenballsport Leipzig vermeide eine klare Aussage, weil der Geldgeber (gemeint ist der hinter dem Eigentümer „Red Bull“ stehende Milliardär Dietrich Mateschitz) Sympathien für Putin (und dessen imperialistische Pläne) hege. In seinen Medien (gemeint ist vermutlich die Plattform „Der Pragmaticus“) habe er Putin bzw. seiner Weltsicht eine Plattform gegeben. Der interessierte Leser möge sich sein eigenes Urteil bilden, das Dossier von 5.12.2021 geht m.E. relativ hart mit Putins „gelenkter Demokratie“ ins Gericht. Nicht zu leugnen ist jedoch, dass Dietrich Mateschitz in den vergangenen Jahren mit im besten Fall „unglücklichen“, im schlimmsten Fall „rechtsextremen“ Äußerungen von sich Reden machte und sich der Verein gefallen lassen muss, damit konfrontiert zu werden.

Um es klar zu sagen: RB Leipzig ist nicht haftbar für private Äußerungen Mateschitz‘, jedoch steht ein Verein, der gesellschaftliche Verantwortung übernehmen will, in der Pflicht, keine Zweifel an seinem Leitbild aufkommen zu lassen.

Die Außenkommunikation lässt aktuell viele Auslegungen zu. Ich halte es im Ergebnis für falsch, dem Verein die Verantwortung für den Nichtantritt aufzubürden – zumindest solange sich nicht auch alle übrigen im Wettbewerb verbliebenen Vereine solidarisch erklären. Merke: Betis Sevilla hatte auch keine Skrupel das Playoff-Rückspiel gegen Zenit St. Petersburg zu bestreiten. Was ich allerdings erwarte, ist eine klare Positionierung, was Rasenballsport Leipzig von der UEFA erwartet und wie man zu der Teilnahme Spartak Moskaus steht.

Auch der Bundesregierung wurde Zögerlichkeit und Passivität vorgeworfen. In der heutigen Regierungserklärung haben die demokratischen Parteien Deutschlands das Heft des Handelns in die Hand genommen und gestalten aktiv (oder wie Oli Mintzlaff sagen würde: man sitzt wieder im „Driver Seat“). Lieber Rasenballsport Leipzig e.V. – es ist auch für Euch nicht zu spät, klare Kante zu zeigen und im Driver Seat Platz zu nehmen. Die schwierigen Zeiten sind Gelegenheit das Profil zu schärfen und Charakter zu zeigen. Nutzt die Chance!

]]>
Mythos „RB-DNA“ – Erfolgsrezept oder fauler Zauber? https://www.schwabenballisten.de/fussball/mythos-rb-dna-erfolgsrezept-oder-fauler-zauber/ Tue, 07 Dec 2021 10:39:23 +0000 http://www.schwabenballisten.de/?p=326 Mythos „RB-DNA“ – Erfolgsrezept oder fauler Zauber? Weiterlesen »

]]>
Die Geschichte der RB-DNA ist eine Geschichte voller Missverständnisse
(frei nach der „OB-Werbung“)

Im letzten Blogbeitrag habe ich die Strukturen bei RB Leipzig kritisiert und dringenden Handlungsbedarf angesprochen. Den Handlungsbedarf hat nunmehr auch die Unternehmensleitung erkannt und die Trennung von Cheftrainer Jesse Marsch verkündet. Ein überfälliger Schritt, zumal Marsch (Oliver Mintzlaffs Aussagen im „Sport 1 Doppelpass“ vom 5.12.2021 zufolge) bereits nach dem 7. und dem 10. Spieltag signalisiert hat, dass die Mannschaft ihm und seiner Idee des Fußballs nicht folgt. Es ehrt Marsch, dass er zwar nicht in der Lage war, seine Spielidee an das vorhandene Spielermaterial anzupassen, aber zumindest ehrlich kommuniziert hat, dass er nicht weiterkommt.

Wie der RB-Kenner „Rumpelstilzchen“ im Forum „transfermarkt.de“ anmerkte, hat Marsch geliefert, was man erwarten durfte: die eingetretenen Probleme (schlechte Defensivorganisation, taktische Limitierung, konditionelle Schwächen) waren schon in Salzburg erkennbar, die Diskrepanz zwischen Marschs Vorstellungen und den Stärken des Kaders war nicht nur für Insider vorhersehbar.

Die Kritik setzt also in erster Linie beim Management der Rasenballsportler und dessen Strukturen an. Zur Vermeidung von Wiederholungen wird auf den vorherigen Blogbeitrag verwiesen. Fakt ist, dass die Entscheidung für Marsch eine bewusste war. RBL hatte – zumindest formell – keinen Druck Julian Nagelsmann abzugeben und saß im viel zitierten „Driver Seat“. Bevor Nagelsmann der „Lebenstraum“ erfüllt wurde, konnte RB für den Sommer mit ausreichend Vorlauf einen Wunschnachfolger suchen. Ein Umstand, der in der aktuellen Situation nicht gegeben ist.

Die bewusste Entscheidung für Jesse Marsch hängt dem Vernehmen nach mit einer Sehnsucht nach der berüchtigten „RB-DNA“ zusammen, die Oliver Mintzlaff mehrfach ansprach und als Ziel der Rückbesinnung in der Nach-Nagelsmann-Ära ausgab. Auch die Süddeutsche Zeitung machte in einem Kommentar von Christof Kneer eine „Unvereinbarkeitsfeststellung“ zwischen der „Hauskultur“ und dem Nagelsmann-Fußball aus. Auf der einen Seite angeblich eine wilde, euuphorisierte Balljagd mit ständigem Gegenpressing, fröhlicher Kick & Rush, dynamisch wie das Unternehmen „Red Bull“ – auf der anderen Seite Nagelsmann als Ausgeburg von Pep Guardiolas „Tiki Taka“-Fußball, der sich langatmig am Ballbesitz (oder Ballgeschiebe) ergötzt und geduldig seine Gegner seziert.

Ich halte diese Grundannahme für falsch und den Unterschied zwischen Rangnick und Nagelsmann nur graduell, zumal Rangnick selbst erkannt hat, dass eine Weiterentwicklung des Spielstils, für die Nagelsmann steht, für RB Leipzig notwendig ist und daher selbst Nagelsmann als seinen Nachfolger auserkoren hat. Richtig ist, dass RB Leipzig unter Alex Zorniger eine sehr starke Form der Überfalltaktik und des Gegenpressings gespielt hat. Ich erinnere mich mit Schrecken an ein Spiel in Sandhausen zurück, wo das an sich exquisit bestückte Mittelfeld (Kimmich, Demme, Kaiser, Khedira) fast ausschließlich mit langen Bällen überspielt wurde. Zorniger scheiterte auch daran, dass er seinen durchaus erfolgreichen Stil nicht um weitere Dimensionen zu erweitern vermochte. Den Aufstieg bewerkstelligte Ralf Rangnick, der sehr wohl auch auf starke spielerische Elemente setzte und im Gegensatz zu Interimstrainer Achim Beierlorzer in der Lage war, einen Emil Forsberg richtig zur Geltung zu bringen. Sowohl Rangnick als auch Ralph Hasenhüttl versuchten das Team fortzuentwickeln und eine dauerhafte Spitzenmannschaft zu formen. Dabei gab es im zweiten Hasenhüttl-Jahr auch Rückschläge, aber es kann keine Rede davon sein, dass unter Rangnick 2018/19 plötzlich ein „Pressing-Monster“ wiedererweckt wurde. Der entscheidende Unterschied war viel mehr, dass Rangnick es vermochte, dem Team das Selbstbewusstsein eines Spitzenteams einzuimpfen, nach Führung nicht zitternd verwalten wollte, sondern stets das nächste Tor anstrebte (ohne dabei die gute Defensivstruktur zu verlieren). Der akribische Julian Nagelsmann baute hierauf auf und verfeinerte die offensiven Abläufe.

Herauszustellen ist dabei, dass „Gegenpressing“ kein Spielsystem ist, sondern ein taktisches Werkzeug im Werkzeugkasten eines guten Trainers. Ein Werkzeug, das sowohl Rangnick als auch Nagelsmann (in unterschiedlicher Häufigkeit) gezielt einzusetzen vermochten, ein Werkzeug, das auch mit dem aktuellen RB-Kader ohne Weiteres spielfähig ist. Jesse Marsch ist nicht daran gescheitert, dass er Pressingsituationen erzeugen wollte, sondern dass er dieses Werkzeug nicht in ein schlüssiges Spielkonzept einzuordnen vermochte und darauf hoffte, dass sich das Team von selbst eine Struktur geben würde. Es ist auch ein Ammenmärchen, dass Ralf Rangnick das System (oder besser die Systemlosigkeit) Marschs gebilligt hätte, erst recht dürfte Rangnick graue Haare ob der Mannschaftsführung und der unglücklichen öffentlichen Äußerungen seines Ziehsohnes bekommen haben. Der Perfektionist Rangnick mag für proaktiven Fußball stehen, aber sicher nicht für „Laissez-faire“-Fußball. Auch Julian Nagelsmann steht für aktiven Fußball, viel mehr als beispielsweise „Jogi Löw“, dessen Team sich spätestens nach 2016 am Ballbesitz als solchem ergötzte und relativ statisch spielte. Einen statischen Fußball gab es bei RB unter Nagelsmann nicht, auch hier wurde im richtigen Moment schnell vertikal gespielt, die Zuspiele waren allerdings meist gut und sauber vorbereitet.

Wenn die Trainersuche bei den Rasenballsportlern im zweiten Anlauf zum Erfolg werden soll, ist Grundvoraussetzung, dass Oliver Mintzlaff nicht nur hinreichend Strukturen und sportlichen Sachverstand ins Haus holt, sondern auch, dass die sogenannte „RB-DNA“ richtig verstanden und nicht falsch oder einengend mystifiziert wird. Es geht letztlich darum, Spieler clever zu entwickeln, aktiv statt passiv das Spiel zu gestalten und an der Spitze der taktischen Entwicklung zu stehen statt ihr hinterhezuhecheln. Es ist daher nicht falsch, wenn Mintzlaff einen zur RB-Philosophie passenden Trainer sucht, er muss die Philosophie nur verstehen und im Kopf behalten, dass Stillstand Rückschritt ist und das Rad der Entwicklung erst recht nicht zurückgedreht werden sollte.

Es sind also in der Tat spannende Tage (und vielleicht Wochen) im Lande des einzig wahren Rasenballsports. Es ist gut, wenn vom Verein nichts nach außen dringt und verschiedene Medien „Namedropping“ betreiben. Man sollte sich hüten, die Spekulationen um angebliche „Shortlists“, die zu 2/3 aus Trainern des „RB-Kosmos“ bestehen, zu glauben. Es ist nichts als Stochern im Nebel. Möge die finale Entscheidung gut vorbereitet werden, es wird eine Weichenstellung für den weiteren Weg von RB Leipzig. Zumindest insoweit hat der SZ-Kommentar recht.

]]>
Driver Seat https://www.schwabenballisten.de/fussball/driver-seat/ Fri, 03 Dec 2021 23:03:52 +0000 http://www.schwabenballisten.de/?p=322 Driver Seat Weiterlesen »

]]>
„Doing alright,
a little driving on a Saturday night
and come what may
gonna dance the day away“
(Sniff ’n‘ the Tears)

„What ever happened to our love
I wish I understand
it used to be so nice
it used to be so good.
So when you’re near me darling
can’t you hear me S.O.S.?“
(ABBA)

Wir schreiben den 27.4.2021: Pressekonferenz von RB Leipzig. Der „Brauseclub“ ist noch Titelanwärter und Pokalfinalist. Seit einigen Wochen gibt es Unruhe, da Startrainer Julian Nagelsmann heftig vom Branchenprimus FC Bayern München umworben wird. An diesem Abend wird Nagelsmanns Abschied aus der Messestadt verkündet. Obwohl der Cheftrainer über ein noch weit über das Saisonende hinausgehend gültiges Arbeitspapier ohne Ausstiegsklausel verfügt, lässt RB-Chef Oliver Mintzlaff seinen Chefarchitekten ziehen, um ihm seinen „Lebenstraum“ in der bayrischen Metropole zu ermöglichen. Als guter Geschäftsmann handelt Mintzlaff eine Rekordablöse von kolportierten 25 Mio + X aus. Mintzlaff sieht seinen Verein im „Driver Seat“ und kündigt an, dass Nagelsmann beim Rekordmeister den heißen Atem von RB spüren werde.

Gut gebrüllt, Löwe … ääh Bulle. Was jedoch in den folgenden Monaten folgen sollte, spottet jeder Beschreibung. Erinnert sich noch jemand an den Kinofilm „Wie werde ich ihn los in 10 Tagen?“. Das Drehbuch wurde von den Rasenballsportlern plagiiert und als „Wie zerstöre ich ein Fußballteam in 6 Monaten?“ nach Fußball-Deutschland verlegt. Die Hauptrolle fällt Jesse Marsch zu, Nagelsmanns Nachfolger. Doch letztlich ist der überforderte US-Amerikaner nur Teil des Systemversagens. Eine Chronologie des Schreckens:

RB Leipzig eilt gemeinhin der Ruf voraus, der Aufstieg von der NOFV-Oberliga Süd in die Champions-League sei auf Grund des „Finanzdopings“ ein Selbstläufer gewesen. Was für die unteren Ligen in gewisser Weise kaum in Abrede gestellt werden kann, greift spätestens ab Liga 2 zu kurz, erst recht in der Bundesliga, wo viele finanzstarke Teams um die Plätze hinter dem schier unerreichbaren FC Bayern ringen. Beispiele wie der HSV, Schalke und Hertha BSC zeigen eindrucksvoll, dass Geld alleine keine Tore schießt. Im Gegenteil: man kann viel Geld hervorragend in den Sand setzen. Als Fans des einzig wahren Rasenballsports beweihräucherten wir uns damit, dass seit dem Amtsantritt Ralf Rangnicks im Jahre 2012 die wirtschaftlichen Mittel klug und strategisch richtig eingesetzt wurden, der Verein sportökonomisch gut aufgestellt wurde, mit klarem Plan und bestückt mit Profis, die für ihr jeweiliges Gebiet zuständig sind. Als „Mann der Finanzen“ formte Oliver Mintzlaff ein auch formell konkurrenzfähiges Fußballunternehmen, während Ralf Rangnick den sportlichen Bereich formte und das Team bei wenig Rückschlägen stetig fortentwickelte.

Ralf Rangnick übernahm auch den Trainerposten, als es notwendig war, führte RB zum Bundesligaaufstieg und überbrückte den Übergang von Ralph Hasenhüttl zu Julian Nagelsmann. Rangnick merkte, dass RB neuen Input zur Weiterentwicklung brauchte und war bereit, sich selbst zurück- bzw. herauszunehmen, um dem potenziellen Startrainer Nagelsmann den Raum zur Entfaltung zu lassen. „Stillstand ist Rückschritt“, wusste Rangnick und trat erst ins zweite Glied, dann komplett von der Bildfläche im RB-Kosmos.

Julian Nagelsmann bearbeitete das gut bestellte Feld und entwickelte in einem über weite Strecken gut moderierten „Evolutionsprozess“ RBL zu einem Team, das auch gegen tief stehende Gegner dominanten „Spitzenteamfußball“ zu spielen vermochte, dem Team gelangen regelmäßig spielerische Lösungen dank der Akribie des Trainers und der guten Fortentwicklung des Kaders mit spielstarken Offensivspielern. Was Nagelsmann zum großen Wurf fehlte, war ein echter „Knipser“ in der Sturmspitze.

Der sportliche Erfolg unter Nagelsmann überdeckte allerdings, dass das Vakuum nach Rangnick auf der Sportdirektoren-Position nie adäquat geschlossen werden konnte. Der aus Paderborn gelotste Markus Krösche konnte nie das Gewicht eines Rangnick in „Verein“ und „Red Bull-Kosmos“ entfalten, Oliver Mintzlaff wurde in der Nach-Rangnick-Ära auch sportlich zum starken Mann, dem Krösche aus klar untergeordneter Position zuarbeiten sollte. Schon im zweiten Jahr suchte Krösche den Ausstieg und dachte sogar über eine Offerte von Schalke nach, nachdem er durch die Verpflichtung des Kaderplaners Christopher Vivell seine Position weiter beschnitten sah. In dieses sportliche Vakuum fiel dann der Wechselwunsch des Cheftrainers.

„Reisende soll man nicht aufhalten“, lautet ein Sprichwort. Es ist müßig, ob Nagelsmann mit einem „Nein“ aus der Chefetage eine weitere Saison bei RBL ohne Murren abgespult hätte, wie es Ralf Rangnick bei „DAZN“ mutmaßte. Es fehlte ob des hinterlegten Wechselwunsches ein „Plan B“. Oliver Mintzlaff hatte seinen Wunschnachfolger bereits im Petto: Jesse Marsch, aufgebaut im Red Bull-Konzern, erfolgreich als Cheftrainer der NY Red Bulls in der MLS, dann Co-Trainer Rangnicks bei RBL und schließlich zwei Jahre lang Chefcoach von Red Bull Salzburg, dort formell auch erfolgreich. Auf dem Reißbrett eine nachvollziehbare Lösung, die allerdings schon im Frühjahr einem tiefergehendem Blick nicht standhielt: in Salzburg gab es insbesondere im zweiten Jahr kaum Weiterentwicklung, das Team entwickelte insbesondere defensiv Schwächen, taktisch war das Team ausrechenbar. Für die schwache österreichische Liga ausreichend, aber nicht für das internationale Niveau.

Marsch wurde als Wunschlösung in Leipzig vorgestellt, mit hinreichend Stallgeruch, ein Trainer, der die Herzen der Fans erobern kann, dessen Lebenstraum der Job beim deutschen RB-Ableger war. Entsprechend groß auch die Euphorie im Umfeld nach einem Trainer, der im Gegensatz zum unnahbaren Nagelsmann nah am Fan und mit hinreichend Emotionen ausgestattet ist. Bei mir kam indessen wenig Euphorie auf, die zu erwartende taktische Ausrichtung war für mich ein Rückschritt.

Die Stelle als Sportdirektor sollte im Sommer besetzt werden, das Funktionsteam Nagelsmann sollte in Leipzig bleiben, so war es geplant. Es sollte anders kommen: Nagelsmann charterte den sprichwörtlichen „T6“, nahm Toppmöller & Co. mit. Stattdessen wurde als Verlegenheitslösung Achim Beierlorzer zurück zu RBL geholt und mit Marco Kurth ein U19-Coach zu den Profis befördert. Kurzum: keine Einflüsse von außen, kein taktisches Masterbrain wie Rene Maric bei Marco Rose, kein Mentaltrainer, insgesamt ein ausgedünntes Funktionsteam.

Der Auftakt in die Saison verlief entsprechend holprig. Marsch versuchte das Team nach seinen Vorstellungen umzubauen und die „RB-DNA“ (oder was man für sie hielt) Knall auf Fall zu implementieren. Dabei nahm er kaum Rücksicht auf die Vorstellungen und Stärken der Spieler, Verpflichtungen wie André Silva oder Ilaix Moriba passten kaum zum propagierten Überfallfußball. Marsch wollte mit dem Kopf durch die Wand und stellte sich auch neben dem Platz wenig clever an: missverständliche Äußerungen zu den Saisonzielen, taktische Unterkomplexität in den Pressekonferenzen (und mutmaßlich auch gegenüber dem Team). Die Krone setzte die unnötige Demütigung Brobbeys mit einer unnötigen Auswechslung 2 Minuten vor dem Pausentee auf, die selbst Marsch bislang wohlgesonnene Beobachter und Fans gegen ihn aufbrachte.

Es gibt wahrlich viele Gründe Marsch von der Bürde seiner Aufgabe zu erlösen. Das Kernproblem liegt jedoch tiefer, ein bloßer Trainerwechsel löst das Problem nicht. Die Leitungsstrukturen bei den Rasenballsportlern müssen wieder professionalisiert werden nach dem Vorbild „Schuster bleib bei Deinen Leisten“, d.h. Oliver Mintzlaff muss sich auf den kaufmännischen und koordinierenden Teil zurückziehen und einen sportlichen Leiter von einem Spitzenteam würdigen Format neben sich installieren (und Raum geben). Um den neu zu gewinnenden Cheftrainer muss ein Funktionsteam aufgebaut werden, das der Komplexität der Anforderungen eines Champions-League-Teams gewachsen ist, auf die aktuell unzufriedenen Spieler muss schnell zugegangen werden, um Perspektiven aufzuzeigen und die Erosionsprozesse innerhalb der Mannschaft zu stoppen.

Die Hoffnung, dass Oliver Mintzlaff diesen Handlungsdruck erkennt, schwindet stetig, sodass das Gros der RB-Fans auf das sehnlichst wartet, was Kritiker stets herbeigeredet haben: ein Machtwort aus der Konzernzentrale des „Sugar Daddys“ in Fuschl am See. Aufzubauen ist zäher und langwieriger als der Absturz. Die Uhr tickt und macht mit jedem verstrichenen Tag den Weg zurück zur Spitze ein wenig schwieriger.

„We got to look back and see and learn from the past,
we got time to change it, but it’s running out fast“
(East 17)

Wir sollten uns eingestehen, dass wir vielleicht den Schlüssel zum Auto hatten, uns aber nie in den „Driver’s Seat“ gesetzt haben. Es wäre an der Zeit sich einzugestehen, dass wir falsch abgebogen sind und die Fehler zu korrigieren, solange das noch möglich ist. Nutzen wir die Zeit, um nicht im Sommer gemeinsam Tränen zu vergießen, dass wir Idole wie Emil Forsberg & Co. vergrault haben. Vorwärts Rasenball – Leipzig überall.

]]>
Sébastien Thill – ein neuer Sheriff im „San Bernabéu“ https://www.schwabenballisten.de/fussball/sebastien-thill-ein-neuer-sheriff-im-san-bernabeu/ Wed, 29 Sep 2021 11:43:26 +0000 https://www.schwabenballisten.de/?p=319 Sébastien Thill – ein neuer Sheriff im „San Bernabéu“ Weiterlesen »

]]>
„I shot the Sheriff“, sang schon Bob Marley vor knapp 50 Jahren. Ein Song, der aktuell Hochkonjunktur erlebt auf Grund des kometenhaften Aufstieges des moldauischen Serienmeisters Sheriff Tiraspol in die Fußball-Champions-League. Nach standesgemäßen Siegen über die Meister aus Albanien (Teuta Durres) und Armenien (FC Alashkert) schaltete das Team aus der abtrünnigen Provinz Transnistrien, einem De-facto-Staat aus einem schmalen Streifen entlang der Grenze zur Ukraine, in dem die Sowjetunion wie in einem Freilichtmuseum fortzubestehen scheint, erst den serbischen Titelträger Roter Stern Belgrad und dann den kroatischen Meister Dinamo Zagreb (Ex-Club von Dani Olmo und Josko Gvardiol) in beeindruckender Manier aus.

Die Geschichte von Sheriff mit all ihren Besonderheiten wäre alleine schon erzählenswert. Es ist keine amerikanische Heldengeschichte, Transnistrien kein sowjetisches Disneyland, das Land ist arm und von Korruption gebeutelt. Das Unternehmen Sheriff, Anfang der 90er von ehemaligen Polizisten gegründet und vom Sicherheitsunternehmen zum Universalkonzern aufgestiegen, erwirtschaftet heute 60 % des transnistrischen Bruttoinlandsproduktes. Dass sich das Team sportlich in Europas Elite mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln behauptet, ist dennoch höchst beachtlich. Vorläufiger Höhepunkt ist der 2:1-Auswärtssieg im berühmten Estadio Santiago Bernabéu beim spanischen Rekordmeister Real Madrid.

Das Siegtor schoss in der 90. Minute Sébastien Thill mit einem fulminanten Dropkick aus 20m in den Winkel vorbei am chancenlosen Weltklassetorhüter Thibaut Courtois. Es ist auch der vorläufige Höhepunkt in einer mehr als ungewöhnlichen Spielerkarriere des 27-jährigen Luxemburgers, der durch manches Tal gehen musste, ehe er zu einem Spieler reifen konnte, der in der ersten Reihe des europäischen Clubfußballs Fuß fassen konnte. Eine Geschichte, die erzählt werden muss.

Sébastien Thill ist der älteste Sohn des heute 52-jährigen luxemburgischen Ex-Nationalspielers Serge Thill, der es auf nationaler Ebene in den 90er-Jahren zu einigen Meriten brachte, unter anderem einem Meistertitel mit Union Luxemburg. Groß wurde Spross Sébastien – kurz „Cba“ – in der Jugend des Traditionsvereins Progrès Niederkorn, meinem Herzensverein. Mit 15 folgte der Wechsel zum Nachbarn CS Petingen, wo er in der zweiten Liga im Seniorenbereich debütierte, ehe er 2012 zurück nach Niederkorn wechselte. Am 22.9.2013 sah ich „Cba“ zum ersten Mal live beim Differdinger-Derby, das der Progrès auch dank eines sehr gut aufgelegten Youngster Sébastien Thill auf dem linken Flügel mit 2:1 gewann.

Thill entwickelte sich zu einem der vielversprechendsten luxemburgischen Spieler in der BGL-League und bestach mit außergewöhnlicher (Schuss-)Technik, insbesondere mit einem Faible für Chip-Pässe und Distanzschüsse. 2015 trug Thill dazu bei, dass sich Niederkorn nach über 30 Jahren erstmals wieder für den Europapokal qualifizieren konnte, er stieg zum Kapitän auf und wurde von Nationaltrainer Luc Holtz erstmals in die Nationalmannschaft berufen. Sein Debüt am 5.9.2015 krönte er in der Schlussminute mit dem 1:0-Siegtreffer in der Nachspielzeit gegen Mazedonien.

Auf nationaler Ebene hatte sich der inzwischen 21-Jährige zu einem Leistungsträger entwickelt, der Schritt zum Profifußballer schien dennoch nicht vorgezeichnet. Das Niveau der nationalen Liga ist im internationalen Vergleich überschaubar und zu Thills Talent gesellten sich Zweifel an seinem Trainingseifer und seiner Einstellung, zumindest schien er mit dem erreichten Level zufrieden. Es folgten zunächst keine weiteren Einsätze im Nationalteam, das auf eine wachsende Zahl an im Ausland spielenden Luxemburgern zählen konnte.

2017 konnte sich Thill mit Progrès Niederkorn erneut für den Europapokal qualifizieren dank Platz 4 in der nationalen Liga. Mit den Glasgow Rangers, dem schottischen Rekordmeister, der nach Insolvenz und Rückstufung in Liga 4 im Jahr 2012. Nachdem 2016 die Rückkehr in die erste Liga gelang, qualifizierten sich die Rangers im Folgejahr als dritter der schottischen Liga für Europa und feierten ausgerechnet in Luxemburg ihr langersehntes Comeback auf europäischer Ebene. Das Hinspiel gewannen die Rangers mit 1:0, das Team um Kapitän Sébastien Thill schlug sich im ehrwürdigen Ibrox Stadium wacker. Das Rückspiel fand am 4.7.2017 im Stade Josy Barthel in Luxemburg statt und angeführt von Thill glaubten die Luxemburger an ihre Chance. Nach torloser erster Halbzeit legte Sébastiens jüngerer Bruder Olivier Thill für Emanuel Francoise auf, der mit dem 1:0 das Hinspielergebnis egalisierte. Eine Viertelstunde vor Schluss trat dann Sébastien Thill zum Freistoß aus knapp 30 Metern halbrechter Position an. Thill schoss den Ball scharf auf das lange Eck, wo der Ball an Freund, Feind und Torhüter Wes Foderingham vorbei zum 2:0 ins Tor segelte. Mit etwas Aluminiumglück in der Schlussminute sollte es der Siegtreffer einer Fußballsensation bleiben, der Fußballzwerg aus Luxemburg eliminierte den schottischen Rekordmeister vor den Augen konsternierter Rangers-Fans aus ganz Europa, während Sébastien Thill auf den Zaun der Niederkorner Fankurve kletterte und mit Pyrotechnik den größten Sieg der knapp 100-jährigen Vereinsgeschichte feierte.

Doch neben dem sportlichen Erfolg brauen sich auch dunkle Wolken zusammen. Wenige Wochen später verursacht er stark alkoholisiert nach einer Feier im Nachgang zu einem Testspiel einen Verkehrsunfall und muss sich vor Gericht verantworten. Ein Vorfall, der seinen weiteren Karriereambitionen einen heftigen Dämpfer versetzt. Während Sébastien als Enfant terrible gilt, entwickelt sich Bruder Olivier zum Vorzeigefußballer, der mit guter Ernährung und hartem Training zum Musterprofi avanciert. Nach Platz in der Liga, dem besten Abschneiden seit fast 40 Jahren, und einem Europapokal-Run bis in Runde drei, wo nur äußerst unglücklich gegen den russischen Erstligisten Ufa Schluss ist, erfüllt sich für Olivier hier der Traum von der Profikarriere. Für die Rekordablöse der BGL-League wechselt er nach Ufa und ist inzwischen als Leistungsträger beim ukrainischen Spitzenteam Worskla Poltawa angekommen.

Für Sébastien Thill ist es ein Fingerzeig, was möglich ist. Im Herbst 2020 bietet sich die Chance beim russischen Erstligisten FK Tambov mit 26 Jahren doch noch Profi zu werden. Nach Olivier Thill, Tim Hall, Marvin Martins und Alex Karapetian ist er der nächste in der Reihe der in Niederkorn gerformten Profis. Zum Jahresbeginn 2021 verschlägt es Thill dann weiter zu Sheriff Tiraspol, wo er nach Gerson Rodrigues der zweite Luxemburger wird und unter Trainer Yuri Vernydub aufblüht und zum Stammspieler im zentralen Mittelfeld avanciert.

Innerhalb von knapp einem Jahr hat es Thill vom Halbprofi aus Luxemburg zum Torschützen in der Champions-League geschafft. „Cba“ ist erwachsen geworden und hat sich trotzdem seine spielerische Magie bewahrt. Ein entscheidendes Tor zur CL-Gruppenphase bereitete er per Chip-Pass vor, gleichzeitig ist aus ihm ein taktisch kluger und im Zweikampf bissiger Spieler geworden.

Es ist eine Geschichte davon, was im Fußball möglich ist und unterstreicht, dass nicht die glatten Heldenstorys die schönsten sind, sondern wahre Helden lange und steinige Wege gehen müssen, um dafür umso schöner am Ziel anzukommen. So steht „Cba“ für all das, was unseren Fußball so schön macht.

]]>
Ma-ma-ma-my Corona https://www.schwabenballisten.de/fussball/ma-ma-ma-my-corona/ Mon, 24 Aug 2020 11:39:47 +0000 http://www.schwabenballisten.de/?p=312 Ma-ma-ma-my Corona Weiterlesen »

]]>
Frei nach „The Knack: My Sharona“

Nach neun Wochen Corona-Pause startete die Fußball-Bundesliga in ihren Saisonendspurt und begab sich damit in die exquisite Gesellschaft der weißrussischen „Wyschejschaja Liha“ sowie der fähringischen „Betri deildin“. Es stellte sich für uns Fußballfans das Luxusproblem der Auswahl zwischen der Frage, ob Meister Klaskvik seine Krise beenden könnte, IF Fuglafjördur weiter für Furore sorge, der FK Sluzk mit BATE Baryssau mithalten kann oder Schalke im Revierderby gegen Dortmund etwas zu reißen vermag.

Seitdem sind knapp drei Monate verstrichen, die Bundesliga hat ihre Saison überraschend gut zu Ende gebracht, die Bayern wurden wieder Meister, Rasenballsport Leipzig schwankte und wurde am Ende versöhnlicher Dritter, Klaskvik hat auf den Färöer zu Tabellenführer Thorshavn aufgeschlossen und die Krise beendet und in Belarus redet niemand mehr darüber, dass Schachtjor Salihorsk die Liga anführt und der FK Sluzk eingebrochen ist, es wird vielmehr über die Präsidentenwahl gesprochen, der „Wind of Change“ liegt in der Luft, den Frauen sei Dank.

Doch nicht nur in Belarus stellt sich die Frage, welche Relevanz das Sportgeschehen hatte bzw. hat. In Zeiten des Corona-Virus rücken andere Fragen in den Vordergrund:
– Wie geht es bei mir beruflich weiter?
– Wann bzw. wie lange noch können meine Kinder wieder in die Schule oder Kita?
– Wie schütze ich meine Gesundheit und die meiner Angehörigen und sonstigen Mitmenschen?

Restart: ein gespaltenes Bild

Nachdem die Saison 2019/20 nun Geschichte ist, richtet sich der Blick nach vorne. Die alte Saison inklusive des Champions-League-Endturniers wurde mit Geisterspielen beendet. Erstaunlich gut organisiert im Ablauf und für den Konsumenten gut medial aufbereitet. In unserem Fanclub zeigte sich eine gewisse Prioritätensetzung über die drei Monate: der Bundesliga-Restart wurde eher beiläufig verfolgt, zu wichtig waren die aktuellen Probleme mit der Pandemie und die Organisation von Privat- und Berufsleben. Während des Champions-League-Endturniers bzw. in dessen Vorbereitung stieg das Interesse und die Auseinandersetzung, was zum einen mit den Lockerungen zu tun haben dürfte, zum anderen aber auch mit dem ansprechenden Format.

In den Alltag der kommenden Bundesliga-Saison wird das kaum zu übertragen sein. Wie also umgehen mit der Herausforderung der neuen Saison?

Fakt ist: das Virus ist zurück in unserer Realität – natürlich war es nie weg, nur aus dem Sinn während der Periode niedriger Infektionszahlen! Allzu lasche Handhabung von Abstands- und Hygieneregeln haben die Infektionszahlen nach oben schnellen lassen – trotz des guten Wetters, welches Zusammenkünfte unter freiem Himmel mit Abstand möglich machte. Die Liga plant dennoch – auch in Ansehung weiter steigender Infektionszahlen sobald die Witterung die Menschen wieder mehr in geschlossene Räume treiben wird – Großveranstaltungen mit Zuschauern.

Um es vorwegzunehmen: der Wunsch wieder ins Stadion zu gehen, ist nachvollziehbar, gerade bei uns im Fanclub. Doch wie verantwortbar sind Spiele vor größeren Zuschauermengen, die Abstand halten realistischerweise unmöglich machen? Selbst wenn in Stadien nur jeder dritte Platz besetzt ist und vielleicht beim Sitzen tatsächlich Abstand halten möglich ist, erscheint fraglich, wie ein Gedränge beim Ein- und Auslass vermieden werden soll. Ich bin am 10.6. geschäftlich nach Berlin geflogen. Bei knapp 50 eincheckenden Business-Passagieren (wohlgemerkt alle nüchtern und erfahren beim Check-in) klappte es nicht annähernd Abstand im Terminal zu wahren. Glaubt ernsthaft jemand, das funktioniert mit 20.000-25.000 Zuschauern im Stadion?

Spieler und Vereinsoffizielle, deren Beruf unser Hobby ist, mögen in einer „Bubble“ zusammengeschlossen und abgeschirmt werden können, aber im Stadion werden – egal wie gut die Voraussetzungen sind – stets Menschen zusammenkommen, die füreinander eine besondere Gefährdung darstellen. Klar ist auch, dass Vereine und Spieler auf ihren Wettbewerb angewiesen sind. Sie verdienen damit Geld, was sie im Falle der Fußball-Bundesliga vor allem durch Sponsoren einnehmen, die die Spieler im Wettbewerb als Werbeprojektionsfläche benötigen. Eine Saison einfach aussetzen? Das kann der Wettbewerb als Ganzer wirtschaftlich nicht durchstehen. Und ob wir nächstes Jahr über den Berg sind, kann auch niemand mit Gewissheit sagen.

Geistersaison: eine unbequeme Wahrheit

Die unbequeme Wahrheit wird „Geistersaison“ lauten. Wenn der Wettbewerb gespielt werden soll, wird mindestens der Großteil der Spiele ohne Zuschauer ausgetragen werden. Die Frage, was das mit unserem Verständnis als Fans anstellen wird, ist spekulativ. Nach den bisherigen Erfahrungen möchte ich aber in ein paar Punkten aus dem Fenster lehnen:

  1. Das Interesse für Geisterspiele am TV wird hinreichend groß sein
    Wie eingangs berichtet, war bei uns im Fanclub beim Restart eine gewisse Müdigkeit bzw. teilweises Desinteresse zu spüren. Das CL-Endturnier zeigt mir aber, dass ein gut präsentiertes „Produkt“ auch ohne Zuschauer Interesse weckt. Sky & Co. werden sicher Einbußen zu verzeichnen haben, nicht alle Sponsoren werden in gleichem Maße investieren können, aber das Gros wird mitziehen und den Wettbewerb am Leben erhalten
  2. Stadionbesucher sind für das TV-Erlebnis überbewertet
    Vorweg: der Stadionbesuch ist für den Fußballfan ein zentrales Erlebnis. Emotionen, Gesang und Mitfiebern gehören elementar dazu. Ein Großteil der Stadiongänger möchte keine Operettenatmosphäre durch Sitzen mit Mundschutz ohne Gesang. Es wäre am schönsten, wenn ein normaler Stadionbesuch wieder möglich wäre.
    Für das TV-Erlebnis halte ich die Beschallung durch Fangesang für nicht notwendig. Die ersten Geisterspiele waren – aus Gewohnheitsgründen – „gewöhnungsbedürftig“. Die Gewohnheit ändert sich aber und ausgehend vom Champions-League-Finale fand ich rückblickend die Focussierung auf das Sportliche eher positiv.
    Wenn Fans meinen „Fußball ohne Fans ist kein Fußball“ muss ich dem entgegentreten. Das Produkt Profifußball war ohne Zuschauer bislang kaum denkbar, da sie Teil der Vermarktung des Produktes sind und die Fußballunternehmen mit ihren Fans werben. Der Sport als solcher wird selbstredend auch ohne Zuschauer genauso und nicht weniger leidenschaftlich betrieben. In der „zweiten Mannschaft“ meines Dorfvereins hatten wird manchmal nur zwei hartgesottene Zuschauer, die aber nicht angefeuert, sondern meistens gemeckert haben, wenn man mir beim Laufen die Schuhe neu besohlen konnte. Und Freude hat der Sport trotzdem gemacht.
    Es wird Aufgabe des Anbieters sein, die Spiele gut und unterhaltsam zu präsentieren. Bei der Gelegenheit wäre echter Wettbewerb unter den Anbietern (zwei Programme zeigen dasselbe Spiel parallel) übrigens sehr wünschenswert
  3. Das Fanclubleben wird in kleinen Zellen gepflegt werden müssen
    Was für das Stadion gilt, gilt auch privat. Große Zusammenkünfte im Fanclub sind vorerst tabu. Der persönliche Kontakt lässt sich aber nicht fernmündlich ersetzen. Wir werden Wege finden müssen, uns – unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln bzw. Kontaktbeschränkungen – zu treffen und die Gemeinsamkeit zu pflegen. Wie das aussehen wird, weiß ich noch nicht. Doch für mich ist klar, dass die zwischenmenschliche Ebene immer wichtiger werden wird. Ein Fanclub ist nur ein Ausschnitt des Lebens, aber für ihn gilt wie für alle übrigen Bereiche: wenn wir quantitativ unsere Kontakte einschränken müssen, ist die Qualität der möglichen Kontakte wesentlich für unser Wohlbefinden.

Es gibt noch viel, viel mehr Aspekte, die sich im Laufe der Zeit zeigen werden. Wir sollten dabei im Auge behalten, dass die Probleme des Profifußballs und seiner Anhänger – verhältnismäßig – Luxusprobleme sind. Semiprofessionelle Vereine sind viel stärker auf Zuschauereinnahmen oder präsenzzuschauerabhängige Sponsoreneinnahmen angewiesen. Amateurvereine können ihre Spieler nicht abschirmen, viele Spiele werden durch positive Coronatests von Mannschaftsmitgliedern ausfallen müssen. Kleinere Sportarten wie Basketball, Handball oder Eishockey (d.h. gerade die Hallensportarten) können wegen der Aerosole vermutlich viel schwieriger selbst kleine Zuschauermengen aufnehmen, etc. etc. etc.

Ich kann nur hoffen, dass wir alle mit Vernunft und Ausdauer bei der Stange bleiben und Solidarität üben. Allen Freunden des Rasenballsportes (d.h. allen, die dem schönen Sport verbunden sind), wünsche ich Gesundheit und Durchhaltevermögen. Passt auf Euch auf!

]]>
Young man, there’s no need to feel down … https://www.schwabenballisten.de/fussball/young-man-theres-no-need-to-feel-down/ Thu, 05 Dec 2019 13:31:34 +0000 http://www.schwabenballisten.de/?p=305 Young man, there’s no need to feel down … Weiterlesen »

]]>
Eigentlich sollte hier ein Text zu den pyromanischen Ausschweifungen der Rasenballsport-Ultras beim Auswärtsspiel in Paderborn stehen. Wie wir Schwabenballisten das Thema sehen, haben wir hier schon mehrfach kund getan. Dass der „Kuschelkurs“ mit der sogenannten „aktiven“ Fanszene bislang nicht gefruchtet hat, hat sich einmal mehr gezeigt. Der Fanverband und der Verein Rasenballsport Leipzig haben schnell reagiert. Hoffentlich auch mit nachhaltiger Konsequenz.

Stattdessen lief mir ein anderes, positiveres Thema über den Weg, mit dem ein Missstand beseitigt werden soll, der in einer aufgeklärten Gesellschaft eigentlich seit spätestens 40 Jahren Vergangenheit sein sollte.

Rasenballsport-Trainer Julian Nagelsmann gab laut einem DPA-Bericht auf der Weihnachtsfeier des Fanclubs „Rainbow Bulls“, einem offen schwul-lesbischen Fanclub, bekannt, dass er homosexuellen Spielern bei einem Outing helfen würde.

„Generell glaube ich, dass, wenn man seine Sexualität nicht outen darf, auch nicht frei leben kann. Es gibt dann einfach zu viele Ängste, entdeckt oder vielleicht nicht ernst genommen zu werden. Wenn du dich immer verstecken musst in deiner Liebe, dann ist das ein großes Problem“
Julian Nagelsmann

Starke Worte des RB-Trainers, der aber unterstreicht, dass es im sportlichen Umfeld, bei Fans und Verantwortlichen sowie der medialen Umgebung (noch) nicht hinreichend Akzeptanz für schwule Fußballer gebe. Ein Zustand, der aus meiner Sicht nicht hinnehmbar ist. „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“, ließ bereits Friedrich der Große wissen und was damals in der Religionsfrage galt, sollte im 21. Jahrhundert im Hinblick auf die sexuelle Orientierung nicht in Frage stehen.

Wie schwer es offenbar ist, sich zu outen, zeigt das Vorgehen eines Twitter-Users, der mutmaßlich ein homosexueller Fußballer in Diensten eines deutschen Zweitligisten ist. Auf seinem Account @gayBundesligas1 hat er am 16.10.2019 angekündigt, sich outen zu wollen und zunächst anonym zu testen, ob er dem Druck, der mit der Entscheidung verbunden ist, standhalten kann. Der Spieler schildert eindrücklich die Zwänge in einem Umfeld mit immer noch stark homophoben Tendenzen. Ein schlechter Pass wird schnell „schwuler Pass“ genannt, das Wort „Schwuchtel“ dient als gern genommene Beleidigung. Um in diesem Umfeld nicht aufzufallen, macht dieser Spieler an vorderster Front mit und hat eine beste Freundin, die als „Fake-Lebensgefährtin“ herhalten muss.

Wenn man der Timeline glauben darf, gibt es neben den üblichen Pöbeleien viel Zuspruch. Geoutet hat er sich bis heute nicht. Zum einen muss bei der zwangsläufigen Aufmerksamkeit bedacht werden, dass er weiterhin sportliche Leistungen bringen und sich für neue Verträge empfehlen muss, zum anderen bestehen Probleme bei den Rahmenbedingungen:

  • viele Medien setzen ihre Anstrengung darein, den jungen Mann enttarnen zu wollen, statt sich kritisch mit dem Thema Homophobie und Diskriminierungen allgemein im sportlichen Umfeld zu befassen
  • der DFB begrüßt zwar öffentlich das mögliche Outing, weigert sich aber eine externe, d.h. vom Verein unabhängige Beschwerdestelle nach dem AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, welches Diskriminierungen v.a. im Arbeitsrecht zu verhindern) einzurichten.

§ 1 AGG: „Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen“

Für den Profi wäre eine solche externe Stelle jedoch ein ganz wesentlicher Faktor. Mag er vielleicht während der ersten Wochen durch die öffentliche Wahrnehmung geschützt sein, könnte sich dies in der Folge ändern und seine wirtschaftliche Existenzgrundlage in Gefahr geraten.

Es ist daher zu hoffen, dass die Mitgliedervereine auf den DFB und die DFL Druck machen, wirksame Instrumente zu schaffen, in denen junge Menschen
a) anonym effektive Beratung im Hinblick auf ein Coming Out erhalten
b) eine Anlaufstelle haben, an die sie sich bei tatsächlichen Benachteiligungen wenden können

Es wäre schön, wenn von Seiten von Rasenballsport Leipzig hier exemplarisch eine klare Haltung öffentlich vertreten wird.

Adressat dieser Zeilen sind aber vor allem WIR, d.h. die Fans, die Öffentlichkeit. Der Kampf gegen Homophobie fängt dort an, wo wir, die letztlich für die wirtschaftliche Basis als Stadiongänger, Werbekunden, etc. sorgen, uns eindeutig dagegen aussprechen. Hand aufs Herz: wieviele von uns haben nicht oft genug „Du schwule Sau“ oder Ähnliches gerufen? Wir müssen uns bewusst machen, dass unsere Sprache und unser Verhalten (Gestik, Mimik) einen großen Einfluss auf unsere Mitmenschen und damit auch auf die Spieler haben. Spieler werden „Normabweichungen“, die negativ konnotiert sein könnten, vermeiden, um in der Gunst von Fans und Öffentlichkeit nicht zu sinken.

Die von mir eingangs gescholtene „aktive Fanszene“ bei Rasenballsport Leipzig macht insoweit bereits einiges richtig und spricht sich eindeutig gegen Homophobie [und selbstverständlich auch gegen andere Diskriminierungsformen wie Rassismus, Frauenfeindlichkeit, etc.] aus.

Es ist unsere Aufgabe, dass dies kein Randphänomen bleibt, sondern die Basis gemeinsamer Werte, die wir aktiv verteidigen, z.B. in dem wir Partei ergreifen, wenn jemand als „Schwuchtel“ beschimpft wird. Wir benötigen in jeglicher Form mehr Zivilcourage! Kein Wegschauen gegen Gewalt, kein Wegschauen, wenn der Nachbar, den ich vielleicht gern mag, Pyro zündet, kein Wegschauen, wenn der andere Nachbar Frauen sexualisiert beleidigt oder sich schwulenfeindlich äußert.

Es genügt in diesen wichtigen Feldern nicht, dass diejenigen, die ohnehin besonders tolerant sind oder sich dem Thema politisch nahe fühlen, mitmachen. Auch der, bei dem es Unbehagen auslöst, wenn sich zwei Männer küssen, muss dafür eintreten, dass sie dies in einer freien Gesellschaft können.

Es wäre schön, wenn es keiner medienwirksamen Outings bedürfte. Wenn es vollkommen egal und normal wäre, ob ein Fußballer Männer, Frauen, beides oder überhaupt nichts davon liebt. Solange dies aber keine gesellschaftliche Realität ist, müssen wir gemeinsam denjenigen helfen, sich zu outen und gestärkt zu fühlen, damit sich niemand verstecken muss oder gar Fakebeziehungen vorschiebt, um gesellschaftlich akzeptiert zu bleiben.

Und an den jungen Fußballer und die vielen anderen, die es zweifellos gibt, die homosexuell sind, sei gesagt: wir stehen hinter Euch: YOUNG MAN, THERE’S NO NEED TO FEEL DOWN!

]]>
Das Red Bull-Modell als Exportschlager? https://www.schwabenballisten.de/fussball/das-red-bull-modell-als-exportschlager/ Wed, 21 Aug 2019 20:44:13 +0000 http://www.schwabenballisten.de/?p=302 Das Red Bull-Modell als Exportschlager? Weiterlesen »

]]>
Ein Blick über den Tellerrand. Investoren sind im deutschen Fußball schon seit Längerem Mode. Die Zusammenarbeit mehrerer Vereine zum Zwecke gemeinsamen Scoutings und des Spieleraustausches wird bei den Global Playern zum Standard (siehe hierzu ein sehr guter Text von „Cavanis Friseur“).
Als Vereinsgeflecht ist die Red Bull-Familie jedoch die unangefochtene Nummer 1: konsequente Corporate Identity, maximale Ausnutzung der Regularien, um unerwünschten Einfluss Dritter auszuschließen, „Spielerdelegation“, u.v.m.
Doch das Modell zieht Nachahmer an, die sich die Synergieeffekte des Red Bull-Modells zum Vorbild nehmen. Für das Fußballportal „120 Minuten“ habe ich mir das Vereinsgeflecht von Flavio Becca, dem Investor des 1.FC Kaiserslautern, einmal angeschaut und analysiert, welche Synergien sich dort ergeben und welche Regularien, insbesondere im luxemburgischen Fußball dies begünstigen:

Flavio Becca und die Redbullisierung der Roten Teufel?

Der luxemburgische Bauunternehmer Flavio Becca hat durch sein Engagement beim Traditionsverein 1.FC Kaiserslautern dazu beigetragen, die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit des FCK kurzfristig zu gewährleisten und damit den bundesweit bedeutenden und regional unersetzlichen Standort zu erhalten. Im Rahmen der Diskussion über das Engagement Beccas als Investor gab es viel Pro und Contra zum Einstieg eines externen Investors generell. Zudem gab es die Frage der Auswahl zwischen einer regionalen Investorengruppe auf der einen und des luxemburgischen Bauunternehmers auf der anderen Seite sowie die Nebengeräusche im Rahmen der Entscheidungsfindung. Kaum diskutiert wurde das Vereinsgeflecht, das Becca im internationalen Fußball unterstützt. Wenigen ist bekannt, wie die von ihm geförderten oder kontrollierten Vereine kooperieren. Dieser Artikel soll das „System Becca“, seine Auswirkungen auf Spielertransfers und mögliche Auswirkungen auf den FCK genauer unter die Lupe nehmen.

Flavio Becca ist neben seinem Engagement in Kaiserslautern Hauptsponsor und Hauptgeldgeber beim luxemburgischen Serienmeister F91 Düdelingen und Eigentümer des belgischen Zweitligisten Royal Excelsior Virton. Auf Grund von Streitigkeiten mit der Gemeinde Düdelingen über einen Stadionum- bzw. -Neubau begann Becca ferner die Unterstützung von Düdelingen in Richtung des aktuellen luxemburgischen Zweitligisten Swift Hesperingen zu verlagern.

Hesperingen verpasste denkbar knapp in der Vorsaison den Aufstieg in die 1. Liga, ansonsten hätten bereits in dieser Saison zwei vom gleichen Investor unterstützte Vereine in der 1. luxemburgischen Liga gespielt.

Dass in Luxemburg derartige Spekulationen aufkommen, sagt bereits vieles über die Turbulenzen und Machenschaften unter den Spitzenvereinen des Landes aus. Schon vor Beccas Engagement in Hesperingen, der Gemeinde, in der er als Sohn eines italienischen Vaters aufwuchs, führte das System Becca zu Spannungen unter den Vereinen der BGL-League:

Im vergangenen Sommer ließen die stärksten Konkurrenten Düdelingens, Fola Esch (trainiert von Ex-FCK-Trainer Jeff Strasser) und Progrès Niederkorn ihre Mitgliedschaft im Ligaverband LFL ruhen, um gegen angeblich unlautere Wettbewerbspraktiken Beccas zu protestieren. Stein des Anstoßes sollen informelle Absprachen des finanziell nicht mehr in der Spitzengruppe angesiedelten Rekordmeisters Jeunesse Esch mit Beccas Düdelingen gewesen sein. Esch lieh sich vor der Saison 2018/19 mehrere hochklassige, aber bei Düdelingen nicht mehr berücksichtigte Spieler wie die Torjäger Omar Er-Rafik und Antonio Luisi aus. Im Gegenzug – so die Behauptung – musste Jeunesse Esch Düdelingen versprechen, keine Spieler an die Düdelinger Kontrahenten Fola und Progrès zu verkaufen.

Der Grund, warum derartige Absprachen begünstigt werden, liegt in den unzeitgemäß anmutenden Regularien des luxemburgischen Fußballs. Ein paar aktuelle Problempunkte:

  • Das Sommer-Transferfenster in Luxemburg schließt für innerluxemburgische Transfers zum 30.6., das Transferfernster für Transfers aus dem Ausland am 31.7., obgleich die Transferfenster sämtlicher anderer Ligen, mit denen man sich im europäischen Wettbewerb befindet, später schließen (Ende des UEFA-Transferfensters ist am 31.8.).
  • Im Winter-Transferfenster sind maximal zwei Transfers für den Ligakader erlaubt.
  • Die Vereine der BGL League dürfen nur 16 statt – wie international üblich – 18 Spieler in ihren Spieltagskader aufnehmen.
  • Ein Spieler darf binnen drei Jahren nach einem Transfer ins Ausland nur mit Zustimmung des letzten dem luxemburgischen Verband zugehörigen Vereins zurück nach Luxemburg wechseln. Beispiel:
    Ein Spieler wechselte 2017 von Düdelingen zum SV Elversberg. 2019 möchte ihn ein Verein aus Luxemburg verpflichten. Unabhängig vom Einvernehmen des aufnehmenden und abgebenden Vereines sowie der Vertragslage kann der Transfer nur stattfinden, wenn Düdelingen dem Transfer zustimmt.
  • Innerhalb Luxemburgs gilt, dass – unabhängig von der Vertragslage – ein Spieler drei Jahre bei einem Verein bleiben muss, ehe er zu einem anderen Klub innerhalb des Großherzogtums wechseln darf. Beispiel:
    Ein Spieler wechselt 2017 nach Düdelingen. 2019 möchte der Spieler zu einem anderen luxemburgischen Verein wechseln. Unabhängig davon, ob der Spieler vertraglich gebunden ist, ist ein Wechsel nicht möglich, er kann maximal ausgeliehen werden mit festem Wechsel 2020.
  • Nach einem Jahr Vereinszugehörigkeit darf ein Spieler an einen Drittverein verliehen werden.

Die Regularien führen dazu, dass der „besitzende“ Verein eine viel größere Machtposition hat als Fußballvereine in anderen Ländern. Hierdurch kann Flavio Becca, dessen Vereine sehr viele Spieler unter Vertrag haben, Wechsel zu Drittclubs zumindest zeitweise unterbinden und Spielern Nachdruck verleihen, zu „konzerninternen“ Vereinen zu wechseln, wenn dort Bedarf besteht. Aus Düdelingen wechselten zur neuen Saison 6 Spieler nach Virton, 7 nach Hesperingen – ein beachtlicher Wert.

Aktuell sind die drei Becca-Clubs Hesperingen, Düdelingen und Virton organisatorisch wie personell stark verwoben. Interessant wird die Frage, wie es sich mit dem 1.FC Kaiserslautern verhalten wird. Die dritte deutsche Liga ist dem aktuellen Niveau Düdelingens und Virtons nahe, sodass eine Erweiterung der Verwertungskette nicht nur denkbar, sondern wahrscheinlich ist. Wie stark diese ausgeprägt sein wird, dürfte auch damit zusammenhängen, wieviel Einfluss Flavio Becca beim FCK erhält.

Aufgrund der Verschiebung des Sponsorings in Luxemburg ist von einem Dreieck Kaiserslautern-Hesperingen-Virton auszugehen. Weitere Vereinsbeteiligungen schloss Flavio Becca kürzlich aus. Spekuliert wird bereits, dass Dino Toppmöller, der aktuell die UEFA-Pro-Lizenz erwirbt, in naher Zukunft das Traineramt bei den Roten Teufeln ausfüllen soll. Die bereits angesprochene Personalie Ferrera ließ ebenfalls erste Synergieüberlegungen erkennen. Über potenzielle Neuzugänge für den Kader aus Düdelingen oder Virton war – abgesehen von losen Spekulationen um Dave Turpel – noch nichts zu vernehmen.

Auch weitere Synergien dürften zeitnah folgen. Im Interview mit dem Fanportal „Der Betze Brennt“ gab Becca bereits die Richtung vor:
„Das ist sicher eine unserer Ideen, aber natürlich in einem kleineren Rahmen als bei Red Bull. Wir wollen die Austauschmöglichkeiten maximieren. Als ersten Schritt möchten wir zeitnah ein gemeinsames Scouting-Netzwerk aufbauen, quasi in einem Dreieck: Kaiserslautern, Virton und Düdelingen/Hesperingen. Das Ganze soll von Kaiserslautern aus organisiert und verarbeitet werden. Die sportlichen Leiter der Vereine können sich dann untereinander austauschen, welcher der beobachteten Spieler am besten zu welchem Verein passt. Außerdem lassen sich die Kosten für jeden Einzelnen somit senken. Erste Gespräche dazu wurden bereits geführt.“

Bei den weiteren Vereinen Düdelingen, Virton, Hesperingen sowie dem Profi-Radsportteam „Leopard Pro Cycling“ sind Sponsor (Leopard Natural) und die Trikotfarben und -designs angeglichen. Der Energydrink Leopard Natural soll bald auch auf dem deutschen Markt eingeführt werden. Danach dürfte sich auch ein Engagement in Kaiserslautern anbieten.

Es bleibt abzuwarten, wie das FCK-Umfeld auf den Einfluss von Becca reagieren wird.

Ein großer Teil der Kaiserslauterer Fanszene legt großen Wert auf die Bewahrung des Bezuges zur Vereinsgeschichte, die Erhaltung der Vereinsstruktur und steht dem Einstieg von Investoren im eigenen Verein wie auch bei der sportlichen Konkurrenz überdurchschnittlich kritisch gegenüber. Gerade das Konstrukt des von Flavio Becca gerne zitierten Red Bull-Konzerns wurde äußerst emotional diskutiert und stieß auf starke Ablehnung.

Die Zusammenarbeit von Düdelingen, Hesperingen und Virton in Bezug auf Spielertransfers, Vereinsorganisation und Sponsoring/Vereinsfarben trägt starke Züge des Geschäftsmodells von Red Bull, die insbesondere in Sachen Spielertransfers und Scouting zwischen einzelnen Standorten Wettbewerbsvorteile schaffen und im Rahmen der Durchsetzung des Corporate Designs besonders brachial vorgehen. Es wäre zu erwarten, dass dieser Punkt in der Diskussion um das Engagement Flavio Beccas einen größeren Stellenwert erhalten müsste.

Es ist mutmaßlich der geringeren Bedeutung der Fußballligen in Belgien und Luxemburg geschuldet, dass die beschriebenen Synergien und Geschäftspraktiken weniger im öffentlichen Bewusstsein angekommen sind.

Wir werden natürlich kein Red Bull 2.0 in Kaiserslautern erleben. Das Konstrukt in Leipzig, welches insbesondere im Hinblick auf die Vereinsgestaltung nach dem „Closed Shop“-Prinzip bislang nicht zufällig keine Nachahmer gefunden hat, wird durchaus mit Recht kritisch gesehen und eignet sich als Blaupause nur bedingt. Allerdings zeigt das Beispiel, dass die geschaffenen Synergien anderenorts als Vorbild wahrgenommen werden und daher auch Beachtung verdienen.

Wir sind gespannt, auf die weiteren Entwicklungen im Red Bull-Cosmos, insbesondere ob man weiterhin Spitze und damit Vorreiter in Sachen Innovation bleibt.

]]>
Respekt?! https://www.schwabenballisten.de/fussball/respekt/ Sun, 26 May 2019 21:31:15 +0000 http://www.schwabenballisten.de/?p=298 Respekt?! Weiterlesen »

]]>
Samstag Nachmittag in Deutschland:

Schwäbisch Hall, Heimat des deutschen Meisters im American Football. Zu Gast sind die Frankfurt Universe, der größte Konkurrent in der Südstaffel. Ein enges, intensives Duell, geprägt durch zwei sehr starke Verteidigungsreihen. Plötzlich liegt der Frankfurter Running Back, der der Haller Defense einige Probleme bereitet hat, verletzt am Boden.

Die Reaktion?

Die Spieler beider Teams gehen aufs Knie, das Publikum klatscht – nein, nicht vor Freude, es klatscht rhythmisch so lange, bis der verletzte Spieler wieder aufsteht und signalisiert, dass es weitergehen kann. Anschließend folgt Applaus.

Zur gleichen Zeit in der Fußball-Bundesliga? Undenkbar! Wütende Spieler des einen Teams hätten den Schiedsrichter bestürmt, die des anderen Zeitspiel gewittert. Fanblock A hätte gepfiffen, Fanblock B singt das Lied vom „Holzmichel“. Wann ist es so weit gekommen?

Beim Pokalendspiel in Berlin ist uns besonders aufgefallen, dass es im Fußball immer an Respekt fehlt. Denn Respekt vor allen Beteiligten am Spiel ist die Grundvoraussetzung für ein „Fair Play“. Es ging vor dm Spiel los mit der Siegerehrung der U19. Der VfB Stuttgart hatte in einem umkämpften Finale am Vorabend RB Leipzig mit 2:1 geschlagen. Knapp 15.000 Zuschauer waren schon im Stadion, als knapp 90 Minuten vor dem Endspiel die Nachwuchsteams zur Ehrung schritten. Den unterlegenen Rasenballsportlern wurden von den eigenen Fans applaudiert. Als der VfB zur Ehrung schritt, war Stille im weiten Rund. Weit und breit um uns niemand, der zur Anerkennung der Leistung der VfB-U19 in die Hände klatschen wollte. Im Stadion konnte man die Applaudierenden fast an einer Hand abzählen. Um die peinliche Stille zu übertönen, wurde die Musik zur Ehrung besonders laut aufgedreht. Trotzdem verbleibt der bittere Eindruck, dass eine tolle sportliche Leistung – vornehmlich aus Desinteresse – keine Anerkennung fand.

In den folgenden Minuten füllte sich das Stadion. Die Fankurve des FC Bayern hatte sich in Schale geworfen und präsentierte auf einem großen Banner die eigene Erwartungshaltung mit den Worten: „Eine Kurve, die zum Siegen verpflichtet“. Die dahinter stehende Aussage ist ebenfalls von wenig Respekt vor der sportlichen Leistung der jeweiligen Teams geprägt. Der eigene Triumph wird nicht als tolle sportliche Leistung gewürdigt, sondern als Leistungspflicht, die es zu erfüllen gilt, vorausgesetzt. Damit verbunden auch die despektierliche Haltung gegenüber dem Gegner, dem man die Augenhöhe nicht zugesteht. Es hat aus unserer Sicht auch nichts mit gesundem Selbstbewusstsein zu tun, sondern mit einer übersteigerten Anspruchshaltung, die der FC Bayern keinesfalls exklusiv hat, sondern in vielen Fankurven zwischenzeitlich zu beobachten ist.

Während dem Spiel erboten sich die Ultras beider Vereine, Pyrotechnik im Stadion zu zünden. Die erste Rauchbombe stieg aus dem RB-Block auf kurz nach Wiederanpfiff, woraufhin manche Rasenballsport-Fan ihren Unmut bekundeten, unter anderem wir. Die Empörung war jedoch keineswegs durchgängig: ein Mann mit lichtem Haar neben uns meinte: „Was regt Ihr Euch so auf? Das gehört zum Fußball dazu“. Der Hinweis, dass es in erster Linie verboten sei und unseren Verein einen Haufen Geld koste, beantwortete er mit dem schönen Worte „Wayne?“ Es ist ja nicht sein Geld, der Verein bezahlt es ja. Über die nächste Preiserhöhung wird natürlich geschimpft, über schärfere Sicherheitsbestimmungen auch, denn sobald es einen selbst betrifft, ist das alles doof. Auch hier fehlt der Respekt vor den Regeln, die dem Wettbewerb zu Grunde liegen. Hauptsache die eigenen Interessen sind gewahrt, Hauptsache die Herren Ultras durften sich mal wieder darstellen.

Alles andere als respektvoll war kurz vor Schluss auch der Torjubel von Robert Lewandowski zum 3:0. Dass man sich im Überschwang nach entscheidenden Toren die Unsitte des Trikotausziehens zu eigen macht, geschenkt. Bei einem 3:0, als das Spiel nach normalem Ermessen ohnehin entschieden war, wirkte es etwas aufgesetzt, aber okay. Dass der Bayern-Stürmer sich dann auch noch die Hose ausziehen wollte, ist dann aber deutlich über der Grenze dessen, was irgendwie akzeptabel ist.

Beachtlich ist, dass – nachdem das 3:0 exzessiv bejubelt wurde – der Sieger nach dem Spiel eine knappe halbe Stunde in der Spielfeldmitte herumlümmelte, anstatt in der eigenen Fankurve schon einmal danke zu sagen.

Als die Siegerehrung endlich folgte, hatte ein nicht unerheblicher Teil des Leipziger Anhangs nichts Besseres zu tun als das Schiedsrichtergespann auszupfeifen – wohl weislich in einem Spiel, welches die Unparteiischen problemlos im Griff hatten.

Es folgte die Ehrung von RB Leipzig, bei der Trainer Ralf Rangnick besonders vom (neutralen) Stadionsprecher angekündigt wurde, worauf seitens der Bayern-Fans ein lautes Pfeifkonzert folgte. Rangnick mag nun eine polarisierende Person sein, aber den Respekt vor der sportlichen Leistung dieses Mannes sollte niemand absprechen. Es ist unverständlich, warum es so schwer zu sein scheint, nach den 90 Minuten den Gegner zu seiner Leistung einfach beglückwünschen zu können. Ein Vorwurf, der sich auch an viele im Leipziger Block richtet, die sich nicht zum wohlverdienten Applaus zugunsten der Bayern durchringen konnten.

Es stellt sich die Frage, was so schwer daran ist, Leistungen des Gegners anerkennen zu können, zumal die Bescheinigung einer guten Leistung des Gegners die eigene sportliche Leistung nur aufwertet. Und sollte das nicht das Ziel sein?

Wir haben in Berlin ganz überwiegend nette Bayern-Fans getroffen. Genausowenig, wie es im Kleinen schwierig ist, gut und fair miteinander umzugehen, sollte es doch auch im Stadion sein. Vielleicht kommen wir endlich wieder dahin, emotional während des Spiels mitzufiebern https://phonelookupbase.ca , ohne den Gegner beschimpfen zu müssen und nach dem Spiel auch auf den Rängen einfach ein gutes „Shake Hands“ zu praktizieren. Es würde unseren Sport einfach sportlicher machen.

 

]]>
Pokalfieber https://www.schwabenballisten.de/fussball/pokalfieber/ Thu, 23 May 2019 16:31:21 +0000 http://www.schwabenballisten.de/?p=292 Pokalfieber Weiterlesen »

]]>
„Die Berliner Luft im Vergleich zu anderen Städten
bietet leckersten Geschmack, allerbeste Qualitäten,
um Paraden zu feiern und exklusive Feten,
die meisten sind jetzt da, es hat sie niemand drum gebeten“
(Seeed)

Ein geiles Leben mit knallharten Champagnerfeten hatte uns ja „Glasperlenspiel“ bereits vor ziemlich genau 3 Jahren vorausgesagt bei der legendären Aufstiegsfeier Anno 2016. Die größte (nationale) Fete findet wie üblich in Berlin statt – und diesmal sind die Rasenballsportler dabei: Champagner statt Bier im Pokalfinale.

Noch vor Kurzem galt ein Konzert von Helene Fischer als das Schlimmste, das dem „deutschen Wembley“ passieren konnte, jetzt also das Duell zwischen dem umstrittenen RB Leipzig und Rekordpokalsieger Bayern München. Die „11 Freunde“ mutmaßten schon, Ticketinhaber würden panisch versuchen ihre Tickets loszuwerden. Es sollte anders kommen, alle Tickets waren binnen kurzer Zeit vergriffen. So auch in Leipzig.

Dank der Ernennung zum OFC durften auch wir uns freuen: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin. Schätzungsweise 15-20 Schwabenballisten werden vor Ort sein, es dürften knapp mehr sein als bei unserem schönsten DFB-Pokal-Ausflug nach Aalen zum Dorfmerkingen-Spiel. A propos Dorfmerkingen: unsere Freunde wünschen uns bereits alles Gute für das Pokalfinale.

Es könnte die Chance sein, den ersten nationalen Titel des einzig wahren Rasenballsports mitzuerleben. Wer kann das schon von seinem Verein behaupten? Na gut, Wolfsburg. Aber sonst 😉 Der Verein hat schon verbal ausgeholt und verlauten lassen: „In München wärst Du nur einer unter vielen. Bei uns bist Du die Nummer 1“, gerichtet an den DFB-Pokal himself.

Und in der Tat wäre es verlockend https://phonelookupbase.com , ausgerechnet dem FC Bayern, der so gerne im Stile eines verbitterten Verwaltungsangestellten die Titel in seiner Kladde lustlos abhakt und dann dennoch durchchoreographiert für seine Anhänger den Anschein einer Feier erweckt, diesen Titel abzunehmen. In einem Spiel ist alles möglich, hat im Vorjahr die Frankfurter Eintracht schließlich eindrucksvoll bewiesen.

Unsereins hat tief in den Kisten gekramt, um ein Anti-Shirt zur Illustration seiner Abneigung gegen den FC Bayern hervorgekramt, dass noch aus der analogen Zeit und insbesondere dem Zeitalter vor der Gründung des Rasenballsport Leipzig e.V. lag.

Kaum vorstellbar, dass so ein T-Shirt heute noch die Massen hinter dem Ofen vorlockt, wo doch unser Verein den Rekordmeister als Ziel der Kritik weit überflüüüüügelt hat.

Wobei sich die Rasenballsportler aktuell tatsächlich in sympathischer Umgarnung des eigenen Anhangs üben und den medial zerrissenen Hashtag „beflüüüügelt ins Finale“ auf den Phrasenfriedhof verbannt hat und nun zu „#wirpokalisieren“ übergangen ist.

Der geneigte Rasenballsportler kann da bereits Oberwasser spüren und mit dem Finger auf den Kontrahenten aus München zeigen:

„Die dämlichen Menschen, die sich Heimspiel für Heimspiel beim FC Bayern dafür hergeben, mit ihren Weißwesten bei Wind und Wetter das Telekom-Logo abzubilden – ha ha ha.“ (Zitat Schwabenballist Michael) 

Pssst, liebe RB-Manager, dass in dem Zusammenhang bloß keiner von dem „Leipzig-L“ erfährt 😉

Berlin ist für Rasenballsport Leipzig bekanntermaßen ein gutes Pflaster: die kürzeste Auswärtsfahrt, bei Hertha stets vor großer Kulisse mit Dank drei Punkte eingesammelt, es ist sozusagen das Lieblingsausflugsziel unseres jungen Vereins. Wohl wissend, dass es gegen den FC Bayern deutlich schwerer werden wird, darf ein gewisser Grundoptimismus mitfahren.

Für mich wie für alle Schwabenballisten ist es das erste Spiel in Berlin mit RB Leipzig. Für mich persönlich sowieso der erste Besuch im Olympiastadion. 1999 hätte ich mich auf Klassenfahrt abseilen können und Hertha gegen Chelsea in der Champions-League schauen können, es gab tatsächlich noch Karten. 20 Jahre später muss ich nicht mit gestrenger Lehrerin in ein drittklassiges Theater, diesmal darf es das Stadion sein.

Was uns erwartet, weiß noch keiner. Jeder schwärmt von der Atmosphäre eines Endspiels und ich hoffe, wir genießen den Moment vom Fanfest bis ins Stadion und wieder nach Hause. Wir haben die Chance, bei einem Stück Geschichte dabei zu sein und mit etwas Glück tatsächlich dem ersten Pokalsieger aus den neuen Bundesländern seit 1941 zuzujubeln (oder dem ersten österreichischen nach 1938, wie böse Zungen behaupten würden).

Genießen wir den Moment …

„Das kann uns keiner nehmen, lasst uns die Gläser heben“ (Revolverheld) 

 

 

]]>