Mythos „RB-DNA“ – Erfolgsrezept oder fauler Zauber?

Die Geschichte der RB-DNA ist eine Geschichte voller Missverständnisse
(frei nach der „OB-Werbung“)

Im letzten Blogbeitrag habe ich die Strukturen bei RB Leipzig kritisiert und dringenden Handlungsbedarf angesprochen. Den Handlungsbedarf hat nunmehr auch die Unternehmensleitung erkannt und die Trennung von Cheftrainer Jesse Marsch verkündet. Ein überfälliger Schritt, zumal Marsch (Oliver Mintzlaffs Aussagen im „Sport 1 Doppelpass“ vom 5.12.2021 zufolge) bereits nach dem 7. und dem 10. Spieltag signalisiert hat, dass die Mannschaft ihm und seiner Idee des Fußballs nicht folgt. Es ehrt Marsch, dass er zwar nicht in der Lage war, seine Spielidee an das vorhandene Spielermaterial anzupassen, aber zumindest ehrlich kommuniziert hat, dass er nicht weiterkommt.

Wie der RB-Kenner „Rumpelstilzchen“ im Forum „transfermarkt.de“ anmerkte, hat Marsch geliefert, was man erwarten durfte: die eingetretenen Probleme (schlechte Defensivorganisation, taktische Limitierung, konditionelle Schwächen) waren schon in Salzburg erkennbar, die Diskrepanz zwischen Marschs Vorstellungen und den Stärken des Kaders war nicht nur für Insider vorhersehbar.

Die Kritik setzt also in erster Linie beim Management der Rasenballsportler und dessen Strukturen an. Zur Vermeidung von Wiederholungen wird auf den vorherigen Blogbeitrag verwiesen. Fakt ist, dass die Entscheidung für Marsch eine bewusste war. RBL hatte – zumindest formell – keinen Druck Julian Nagelsmann abzugeben und saß im viel zitierten „Driver Seat“. Bevor Nagelsmann der „Lebenstraum“ erfüllt wurde, konnte RB für den Sommer mit ausreichend Vorlauf einen Wunschnachfolger suchen. Ein Umstand, der in der aktuellen Situation nicht gegeben ist.

Die bewusste Entscheidung für Jesse Marsch hängt dem Vernehmen nach mit einer Sehnsucht nach der berüchtigten „RB-DNA“ zusammen, die Oliver Mintzlaff mehrfach ansprach und als Ziel der Rückbesinnung in der Nach-Nagelsmann-Ära ausgab. Auch die Süddeutsche Zeitung machte in einem Kommentar von Christof Kneer eine „Unvereinbarkeitsfeststellung“ zwischen der „Hauskultur“ und dem Nagelsmann-Fußball aus. Auf der einen Seite angeblich eine wilde, euuphorisierte Balljagd mit ständigem Gegenpressing, fröhlicher Kick & Rush, dynamisch wie das Unternehmen „Red Bull“ – auf der anderen Seite Nagelsmann als Ausgeburg von Pep Guardiolas „Tiki Taka“-Fußball, der sich langatmig am Ballbesitz (oder Ballgeschiebe) ergötzt und geduldig seine Gegner seziert.

Ich halte diese Grundannahme für falsch und den Unterschied zwischen Rangnick und Nagelsmann nur graduell, zumal Rangnick selbst erkannt hat, dass eine Weiterentwicklung des Spielstils, für die Nagelsmann steht, für RB Leipzig notwendig ist und daher selbst Nagelsmann als seinen Nachfolger auserkoren hat. Richtig ist, dass RB Leipzig unter Alex Zorniger eine sehr starke Form der Überfalltaktik und des Gegenpressings gespielt hat. Ich erinnere mich mit Schrecken an ein Spiel in Sandhausen zurück, wo das an sich exquisit bestückte Mittelfeld (Kimmich, Demme, Kaiser, Khedira) fast ausschließlich mit langen Bällen überspielt wurde. Zorniger scheiterte auch daran, dass er seinen durchaus erfolgreichen Stil nicht um weitere Dimensionen zu erweitern vermochte. Den Aufstieg bewerkstelligte Ralf Rangnick, der sehr wohl auch auf starke spielerische Elemente setzte und im Gegensatz zu Interimstrainer Achim Beierlorzer in der Lage war, einen Emil Forsberg richtig zur Geltung zu bringen. Sowohl Rangnick als auch Ralph Hasenhüttl versuchten das Team fortzuentwickeln und eine dauerhafte Spitzenmannschaft zu formen. Dabei gab es im zweiten Hasenhüttl-Jahr auch Rückschläge, aber es kann keine Rede davon sein, dass unter Rangnick 2018/19 plötzlich ein „Pressing-Monster“ wiedererweckt wurde. Der entscheidende Unterschied war viel mehr, dass Rangnick es vermochte, dem Team das Selbstbewusstsein eines Spitzenteams einzuimpfen, nach Führung nicht zitternd verwalten wollte, sondern stets das nächste Tor anstrebte (ohne dabei die gute Defensivstruktur zu verlieren). Der akribische Julian Nagelsmann baute hierauf auf und verfeinerte die offensiven Abläufe.

Herauszustellen ist dabei, dass „Gegenpressing“ kein Spielsystem ist, sondern ein taktisches Werkzeug im Werkzeugkasten eines guten Trainers. Ein Werkzeug, das sowohl Rangnick als auch Nagelsmann (in unterschiedlicher Häufigkeit) gezielt einzusetzen vermochten, ein Werkzeug, das auch mit dem aktuellen RB-Kader ohne Weiteres spielfähig ist. Jesse Marsch ist nicht daran gescheitert, dass er Pressingsituationen erzeugen wollte, sondern dass er dieses Werkzeug nicht in ein schlüssiges Spielkonzept einzuordnen vermochte und darauf hoffte, dass sich das Team von selbst eine Struktur geben würde. Es ist auch ein Ammenmärchen, dass Ralf Rangnick das System (oder besser die Systemlosigkeit) Marschs gebilligt hätte, erst recht dürfte Rangnick graue Haare ob der Mannschaftsführung und der unglücklichen öffentlichen Äußerungen seines Ziehsohnes bekommen haben. Der Perfektionist Rangnick mag für proaktiven Fußball stehen, aber sicher nicht für „Laissez-faire“-Fußball. Auch Julian Nagelsmann steht für aktiven Fußball, viel mehr als beispielsweise „Jogi Löw“, dessen Team sich spätestens nach 2016 am Ballbesitz als solchem ergötzte und relativ statisch spielte. Einen statischen Fußball gab es bei RB unter Nagelsmann nicht, auch hier wurde im richtigen Moment schnell vertikal gespielt, die Zuspiele waren allerdings meist gut und sauber vorbereitet.

Wenn die Trainersuche bei den Rasenballsportlern im zweiten Anlauf zum Erfolg werden soll, ist Grundvoraussetzung, dass Oliver Mintzlaff nicht nur hinreichend Strukturen und sportlichen Sachverstand ins Haus holt, sondern auch, dass die sogenannte „RB-DNA“ richtig verstanden und nicht falsch oder einengend mystifiziert wird. Es geht letztlich darum, Spieler clever zu entwickeln, aktiv statt passiv das Spiel zu gestalten und an der Spitze der taktischen Entwicklung zu stehen statt ihr hinterhezuhecheln. Es ist daher nicht falsch, wenn Mintzlaff einen zur RB-Philosophie passenden Trainer sucht, er muss die Philosophie nur verstehen und im Kopf behalten, dass Stillstand Rückschritt ist und das Rad der Entwicklung erst recht nicht zurückgedreht werden sollte.

Es sind also in der Tat spannende Tage (und vielleicht Wochen) im Lande des einzig wahren Rasenballsports. Es ist gut, wenn vom Verein nichts nach außen dringt und verschiedene Medien „Namedropping“ betreiben. Man sollte sich hüten, die Spekulationen um angebliche „Shortlists“, die zu 2/3 aus Trainern des „RB-Kosmos“ bestehen, zu glauben. Es ist nichts als Stochern im Nebel. Möge die finale Entscheidung gut vorbereitet werden, es wird eine Weichenstellung für den weiteren Weg von RB Leipzig. Zumindest insoweit hat der SZ-Kommentar recht.