Die Wahrheit liegt nicht immer in der Mitte

Das Spiel Rasenballsport Leipzig gegen Bayer Leverkusen war mehr als nur eine sportliche Niederlage, sie war ein Offenbarungseid der aktiven Fanszene, deren Konflikt um die Ausrichtung beim ersten „Montagsheimspiel“ in der Bundesliga aufbrach. Man ist gerne geneigt, eine vermittelnde Position einzunehmen, wie es beispielsweise unser Vorzeigeblogger „Rotebrauseblogger“ mit seinem Fingerspitzengefühl regelmäßig vormacht. Hier ist jedoch klare Kante gefragt, meinen wir Schwabenballisten. Die Wahrheit liegt nicht immer in der Mitte.

 

Die Ausgangslage:

Ende März lud ein Teil der sogenannten „aktiven Fanszene“ mit einwöchiger Vorlaufzeit zu einer Diskussion über die von ihr geplante Protestaktion gegen die Montagsspiele ein. Unsere Meinung zu den Protesten ist bekannt, wir haben sie in „Once upon a time I was falling in love“ einmal dargelegt. Ein öffentliches Statement sahen wir vor dem Spiel als nicht erforderlich an, zumal unsere Mitglieder selten in Block B anzutreffen sind.

In der Diskussionsrunde der „aktiven Fanszene“ wurde Einigkeit darüber erzielt, dass die Montagsspiele sehr weitgehend wegen fanunfreundlicher Anstoßzeiten abgelehnt werden (hier sind wir Schwabenballisten im Grundsatz d’accord), uneinig war man sich über das Protestmittel, eine einfache Mehrheit unter den Anwesenden stimmte für einen Stimmungsboykott.

Es entzündete sich erwartungsgemäß Kritik, zumal die sportliche Bedeutung des Spiels hoch ist. Naturgemäß entwickelte sich eine Gegenbewegung, die den Supportverlust durch das angekündigte Schweigen auffangen wollte. Soweit – so unspektakulär. Jeder entscheidet, ob und wann er supporten möchte, wir sind keine bezahlten Claqeure, die bei Arabella oder Hans Meiser mit Schildchen zum Klatschen animiert werden.

Berechtigterweise wurde im Vorfeld darauf hingewiesen, man möge unterschiedliche Meinungen respektieren und im Stadion gut miteinander umgehen.

 

Ein Rohrkrepierer

Im Stadion erwies sich der vorab groß angekündigte Boykott als Rohrkrepierer. Hinter dem Boykott stand eine Gruppe von wohlwollend geschätzten 150-200 Leuten, vorrangig an der Schwelle zur Volljährigkeit. Auf der anderen Seite mehrere Tausend anderer Fans, die angestachelt vom „Boykott“ mehr als üblich mitsangen.

Man darf die Frage stellen, warum es eines Boykotts der „Ultras“ bedarf, ehe die Mitmachquote im übrigen Stadion derart gut wird. Die Stimmung war jedenfalls hervorragend, für viele war die erste Halbzeit supporttechnisch die beste der gesamten Saison.

Die Boykottierer beließen es nicht dabei, den Support zu verweigern, stattdessen pfiffen sie in Trillerpfeifen, als ob die IG Metall einen Warnstreik in der Red Bull Arena ausgerufen hätte. Die Pfiffe richteten sich gegen den Support der übrigen Fans, selbst bei Ballbesitz der Rasenballsportler.

Traurig auch die Rolle der „Capos“, die die komplette erste Halbzeit schwiegen und denen das Gespür fehlte, dass die überdeutliche Mehrheit den Boykott ablehnte. Es fehlte hier die Größe, den Boykott einen guten Mann sein zu lassen und sich auf die Fankurve einzulassen. In diesem Zeitpunkt wäre der „Riss“ aus unserer Sicht zu kitten gewesen. Die Mehrheit hatte gesprochen.

Stattdessen versuchten die Boykottierer zu Beginn von Halbzeit 2 die Hoheit über den Support an sich zu ziehen. Die Capos stiegen in diesem Moment mit ein, die Kurve verweigerte die Gefolgschaft, es folgten Beleidigungen an die Kurve seitens des Capos, die vom Rest der Kurve mit Pfiffen quittiert wurden.

Die Stimmung aus Halbzeit 1 war dahin. Wirklich laut wurde es um die 85. Minute, als das gesamte Stadion das „Lipsia“-Lied, sozusagen den Inbegriff der Privatparty einer kleinen Minderheit, zum Anlass nahm, dem Team mit „Wir sind Leipzig“ Auftrieb zu geben. Ein Fakt, der von Seiten des Vereins goutiert wurde, sodass zwar innerhalb der Fanszene ein Riss entstand, der Verein sich aber ob der trotz Niederlage tollen Stimmung freute, was auch Eurosport fast mantraartig hervorhob, freilich ohne vom Konflikt innerhalb der Fanszene Notiz zu nehmen.

 

Der Verein muss Farbe bekennen

Nicht nur wir als Fanclubs sind nach diesem Spiel gefragt Farbe zu bekennen, auch RB muss sich positionieren, etwas, das dem Verein, der verständlicherweise im eigenen Umfeld möglichst wenig anecken will und unter anderem deswegen Politik scheut wie der Teufel das Weihwasser, schwer fällt.

In diesem Fall darf der Verein nicht neutral bleiben, wenn er nicht riskieren will, dass dauerhaft etwas zerbricht, was seit 2009 gewachsen ist. Der Verein sollte zur Kenntnis nehmen, dass die hier offenbar gewordene Spaltung nicht zwei in etwa gleich große Gruppen betrifft, die man beide befriedigen bzw. besänftigen sollte, sondern eine mindestens 90 %ige Mehrheit genervt ist, von den – böse gesagt – (spät)pubertären  Aktionen einer Ultragruppierung. Dem Verein sollte es ebenfalls nicht egal sein, dass die Capos nach diesem Spiel  ein erhebliches Glaubwürdigkeits- und Akzeptanzproblem haben dürften.

Wir haben das Interview unseres Machers Ralf Rangnick in der LVZ aufmerksam gelesen. „Ich halte unsere Fanszene für zu besonders und reflektiert, als dass sie einen solchen Stimmungsboykott abhält“, ließ er sinngemäß verlauten. Er sollte mit der Prognose recht behalten.

 

ABER:

Die Besonderheit einer reflektierten, selbstironischen und erfrischend anderen Fankurve ist nicht selbstverständlich, man muss etwas dafür tun. Aus unserer Sicht wächst eine Generation heran, die –  großteils auch altersbedingt – nicht aus eigener Erfahrung weiß, warum ein Verein wie RB Leipzig in Leipzig entstanden ist und warum es gerade dieses Vereins bedurft hat, um in dieser Stadt nicht nur sportlich etwas zu entwickeln, sondern auch die breite Masse an Menschen abseits bestimmter Subkulturen abzuholen und zu begeistern.

Wir erleben seitens eines besonders lauten Teils der Fanszene Tendenzen, wie wir sie bei anderen Bundesligavereinen auch sehen. Steuern wir hier nicht gemeinsam dagegen, erleben wir vielleicht auch, dass der besonders aktive Teil der Fanszene wie in Hannover dauerboykottiert, weil man bei einem bestimmten Thema kompromisslos ist. Oder wir ernten ähnliche Konflikte wie in Gladbach, wo wir bei unserem Gastspiel auch erleben durften, wie die „normalen“ Fans die Ultragruppe für ihre Anti-RB-Stimmungsboykott-Faxen gnadenlos auspfiff. Will man es auch irgendwann soweit kommen lassen, dass wie in Gladbach die Subkultur das eigene Team selbst nach Siegen auspfeift, Deutschlands beste Schiedsrichterin als „Hure“ beschimpft, u.v.m.?

Ich denke nicht, dass wir solche Zustände dauerhaft in unserem Wohnzimmer sehen wollen. Der Weg kann aus unserer Sicht nicht sein, dass wir zulassen, dass eine Ultraszene überproportional an Bedeutung gewinnt, sondern  beim Support die Wünsche der gesamten Fankurve Berücksichtigung finden.

„Aber die machen doch so tolle Choreos“, heißt es dann wieder. Ja, machen sie. Dafür gebührt den Organisatoren Respekt und Anerkennung. Aber Choreos sind kein Freibrief, der Mehrheit der Fans eine Meinung aufzuzwingen, diese – teilweise auch handgreiflich – anzugehen und wie selbstverständlich zu erwarten, dass man ihnen folgt.

Klargestellt sei, dass Handgreiflichkeiten nicht einseitig vorkamen und es ein wachsendes Problem mit einer Gruppe bestimmter politischer Gesinnung und wachsender Gewaltaffinität gibt. Auch hier gilt: wehret den Anfängen!

 

Konsequenzen ziehen!

Der Vorfall muss aufgearbeitet werden. An dieser Stelle großes Lob für die Reaktionen im Fanverband und die Bereitschaft, die Geschehnisse in einer zeitnahen Sitzung aufzuarbeiten.

Es gibt einige Stimmen, die meinen, man solle es „nicht überbewerten“ und weitermachen, als ob nichts geschehen wäre, den man könne nur einig auftreten. Ja, Einigkeit auf einem gemeinsamen Nenner ist nicht nur wünschenswert, sondern Grundvoraussetzung. Nicht zielführend ist aber, die Verursachungsanteile gleichzusetzen. Wir haben nicht zwei Blöcke, sondern augenscheinlich eine große, normale Fanbasis, die in Halbzeit 1 eine beeindruckende Reaktion gezeigt hat, und eine kleine aber laute Ultragruppe, die in eine gänzlich andere Richtung steuert.

An dieser Stelle kann man versuchen, alle einzufangen. Das möchten wir hier ausdrücklich nicht. Auch wenn wir uns an dieser Stelle unbeliebt machen, wir müssen „FaRBe bekennen“, und das wünschen wir uns auch vom Verein Rasenballsport Leipzig:

 

  1. Wir wünschen, dass der Verein mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ermittelt, wer für die Handgreiflichkeiten verantwortlich ist. Unabhängig vom Lager (Pro oder Contra Boykott) ist Gewalt ein No-go.
  2. Wir wünschen uns, dass der Verein klar Stellung bezieht, welche Art der Kommunikation Grundlage für einen Austausch mit dem Verein ist. Wenn eine Ultragruppe den Sprachgebrauch anderer Ultraszenen adaptiert, sollten die Alarmglocken angehen
  3. Wenn einzelne Fangruppen partout sich gegen die absolute Mehrheit im Fanblock stellen, muss man sich von bestimmten Gruppen trennen. Es ist ein Irrglaube, man könne alles und jeden mitnehmen, wenn man nirgendwo aneckt und alles unter den Teppich kehrt. Lässt man eine Ultragruppierung zu viel Einfluss nehmen, wenden sich mit der Zeit normale Stadionbesucher ab oder es gibt einen Dauerstreit wie aktuell in Gladbach
  4. Wir sollten uns – das gilt ausdrücklich auch für die Mehrheit der normalen Fans – darauf besinnen FÜR etwas zu sein und nicht erst aktiv zu werden, wenn es gegen etwas geht.- Das geht los mit Pfiffen gegen die Mannschaftaufstellung der Gegner. Früher war man kreativ und rief zu jedem Name „kaufen wir“, das hat Witz- Ein Gegner liegt sichtbar verletzt am Boden (wie gestern Wendell – gute Besserung an dieser Stelle), unser Block singt den Holzmichel. Ich schäme mich für sowas.

    – Ein Spieler mit schwarzer Hautfarbe (ich verrate Euch was, davon gibt es Abermillionen, die sind etwas ganz Normales) wird mit Affenlauten begrüßt. Warum wird da (es sind zum Glück bislang nur Randerscheinungen) nicht schneller eingegriffen?

  5. Die Capos haben eine unglückliche Figur gemacht. Ein „Weiter so“ funktioniert nicht. Wir wünschen uns, dass der Verein hier zeitnah das Gespräch sucht und versucht Wege zu finden, dass die Vorsänger die Interessen des gesamten Fanblocks und nicht einiger Kleingruppen zu vertreten.
  6. Choreos sind kein Freibrief, um im Block zu veranstalten, was man will. Choreos sollten wo es geht unterstützt werden, sowohl seitens des Vereins als auch seitens der Fanclubs, aber daraus darf kein Primat in der Fankurve erwachsen, dass eine besonders aktive Gruppe das Sagen hat. Hier ist auch der Verein gefragt, sich zu hinterfragen, ob er und seine Fanbetreuer in Fankreisen die richtigen Ansprechpartner suchen.
  7. Ein Fanverband ist das richtige Instrument, um bei unterschiedlichen Interessenlagen zu vermitteln und den gemeinsamen Nenner zu suchen. Die Gruppen, die gestern boykottiert haben, haben dem bestehenden Fanverband den Rücken gekehrt. Der Verein täte – insbesondere ob der gestrigen Vorkommnisse – gut daran, den Fanverband zu stärken. Wenn Rasenballisten, LECrats und Co. Einfluss nehmen wollen, steht ihnen das im Fanverband frei. Eine Politik à la „wer am lautesten schreit, bekommt am meisten“ ist kontraproduktiv.

 

Fazit

Es ist viel Porzellan zerschlagen worden. Auch die „Treukott“-Fraktion hat sich nicht überall mit Ruhm bekleckert. Aber wenn dieses Spiel etwas Gutes gehabt haben soll, kann der Schluss nicht lauten, ich tadele alle mit dem Gießkannenprinzip, es müssen konkrete Schlussfolgerungen gezogen werden, dass Partikularinteressen nicht das gemeinsame Ziel „Freude am Fußballspiel und Unterstützung von Rasenballsport Leipzig“ überlagern. Die große Mehrheit hat gestern demonstriert, dass sie genau das will. Das Zeitfenster ist offen, JETZT an den richtigen Stellschrauben zu drehen. Verpasst man das Zeitfenster, sieht es hier bald aus wie in Aachen, Hannover oder Übelgönne.

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