Respekt?!

Samstag Nachmittag in Deutschland:

Schwäbisch Hall, Heimat des deutschen Meisters im American Football. Zu Gast sind die Frankfurt Universe, der größte Konkurrent in der Südstaffel. Ein enges, intensives Duell, geprägt durch zwei sehr starke Verteidigungsreihen. Plötzlich liegt der Frankfurter Running Back, der der Haller Defense einige Probleme bereitet hat, verletzt am Boden.

Die Reaktion?

Die Spieler beider Teams gehen aufs Knie, das Publikum klatscht – nein, nicht vor Freude, es klatscht rhythmisch so lange, bis der verletzte Spieler wieder aufsteht und signalisiert, dass es weitergehen kann. Anschließend folgt Applaus.

Zur gleichen Zeit in der Fußball-Bundesliga? Undenkbar! Wütende Spieler des einen Teams hätten den Schiedsrichter bestürmt, die des anderen Zeitspiel gewittert. Fanblock A hätte gepfiffen, Fanblock B singt das Lied vom „Holzmichel“. Wann ist es so weit gekommen?

Beim Pokalendspiel in Berlin ist uns besonders aufgefallen, dass es im Fußball immer an Respekt fehlt. Denn Respekt vor allen Beteiligten am Spiel ist die Grundvoraussetzung für ein „Fair Play“. Es ging vor dm Spiel los mit der Siegerehrung der U19. Der VfB Stuttgart hatte in einem umkämpften Finale am Vorabend RB Leipzig mit 2:1 geschlagen. Knapp 15.000 Zuschauer waren schon im Stadion, als knapp 90 Minuten vor dem Endspiel die Nachwuchsteams zur Ehrung schritten. Den unterlegenen Rasenballsportlern wurden von den eigenen Fans applaudiert. Als der VfB zur Ehrung schritt, war Stille im weiten Rund. Weit und breit um uns niemand, der zur Anerkennung der Leistung der VfB-U19 in die Hände klatschen wollte. Im Stadion konnte man die Applaudierenden fast an einer Hand abzählen. Um die peinliche Stille zu übertönen, wurde die Musik zur Ehrung besonders laut aufgedreht. Trotzdem verbleibt der bittere Eindruck, dass eine tolle sportliche Leistung – vornehmlich aus Desinteresse – keine Anerkennung fand.

In den folgenden Minuten füllte sich das Stadion. Die Fankurve des FC Bayern hatte sich in Schale geworfen und präsentierte auf einem großen Banner die eigene Erwartungshaltung mit den Worten: „Eine Kurve, die zum Siegen verpflichtet“. Die dahinter stehende Aussage ist ebenfalls von wenig Respekt vor der sportlichen Leistung der jeweiligen Teams geprägt. Der eigene Triumph wird nicht als tolle sportliche Leistung gewürdigt, sondern als Leistungspflicht, die es zu erfüllen gilt, vorausgesetzt. Damit verbunden auch die despektierliche Haltung gegenüber dem Gegner, dem man die Augenhöhe nicht zugesteht. Es hat aus unserer Sicht auch nichts mit gesundem Selbstbewusstsein zu tun, sondern mit einer übersteigerten Anspruchshaltung, die der FC Bayern keinesfalls exklusiv hat, sondern in vielen Fankurven zwischenzeitlich zu beobachten ist.

Während dem Spiel erboten sich die Ultras beider Vereine, Pyrotechnik im Stadion zu zünden. Die erste Rauchbombe stieg aus dem RB-Block auf kurz nach Wiederanpfiff, woraufhin manche Rasenballsport-Fan ihren Unmut bekundeten, unter anderem wir. Die Empörung war jedoch keineswegs durchgängig: ein Mann mit lichtem Haar neben uns meinte: „Was regt Ihr Euch so auf? Das gehört zum Fußball dazu“. Der Hinweis, dass es in erster Linie verboten sei und unseren Verein einen Haufen Geld koste, beantwortete er mit dem schönen Worte „Wayne?“ Es ist ja nicht sein Geld, der Verein bezahlt es ja. Über die nächste Preiserhöhung wird natürlich geschimpft, über schärfere Sicherheitsbestimmungen auch, denn sobald es einen selbst betrifft, ist das alles doof. Auch hier fehlt der Respekt vor den Regeln, die dem Wettbewerb zu Grunde liegen. Hauptsache die eigenen Interessen sind gewahrt, Hauptsache die Herren Ultras durften sich mal wieder darstellen.

Alles andere als respektvoll war kurz vor Schluss auch der Torjubel von Robert Lewandowski zum 3:0. Dass man sich im Überschwang nach entscheidenden Toren die Unsitte des Trikotausziehens zu eigen macht, geschenkt. Bei einem 3:0, als das Spiel nach normalem Ermessen ohnehin entschieden war, wirkte es etwas aufgesetzt, aber okay. Dass der Bayern-Stürmer sich dann auch noch die Hose ausziehen wollte, ist dann aber deutlich über der Grenze dessen, was irgendwie akzeptabel ist.

Beachtlich ist, dass – nachdem das 3:0 exzessiv bejubelt wurde – der Sieger nach dem Spiel eine knappe halbe Stunde in der Spielfeldmitte herumlümmelte, anstatt in der eigenen Fankurve schon einmal danke zu sagen.

Als die Siegerehrung endlich folgte, hatte ein nicht unerheblicher Teil des Leipziger Anhangs nichts Besseres zu tun als das Schiedsrichtergespann auszupfeifen – wohl weislich in einem Spiel, welches die Unparteiischen problemlos im Griff hatten.

Es folgte die Ehrung von RB Leipzig, bei der Trainer Ralf Rangnick besonders vom (neutralen) Stadionsprecher angekündigt wurde, worauf seitens der Bayern-Fans ein lautes Pfeifkonzert folgte. Rangnick mag nun eine polarisierende Person sein, aber den Respekt vor der sportlichen Leistung dieses Mannes sollte niemand absprechen. Es ist unverständlich, warum es so schwer zu sein scheint, nach den 90 Minuten den Gegner zu seiner Leistung einfach beglückwünschen zu können. Ein Vorwurf, der sich auch an viele im Leipziger Block richtet, die sich nicht zum wohlverdienten Applaus zugunsten der Bayern durchringen konnten.

Es stellt sich die Frage, was so schwer daran ist, Leistungen des Gegners anerkennen zu können, zumal die Bescheinigung einer guten Leistung des Gegners die eigene sportliche Leistung nur aufwertet. Und sollte das nicht das Ziel sein?

Wir haben in Berlin ganz überwiegend nette Bayern-Fans getroffen. Genausowenig, wie es im Kleinen schwierig ist, gut und fair miteinander umzugehen, sollte es doch auch im Stadion sein. Vielleicht kommen wir endlich wieder dahin, emotional während des Spiels mitzufiebern, ohne den Gegner beschimpfen zu müssen und nach dem Spiel auch auf den Rängen einfach ein gutes „Shake Hands“ zu praktizieren. Es würde unseren Sport einfach sportlicher machen.