Pokalfieber

„Die Berliner Luft im Vergleich zu anderen Städten
bietet leckersten Geschmack, allerbeste Qualitäten,
um Paraden zu feiern und exklusive Feten,
die meisten sind jetzt da, es hat sie niemand drum gebeten“
(Seeed)

Ein geiles Leben mit knallharten Champagnerfeten hatte uns ja „Glasperlenspiel“ bereits vor ziemlich genau 3 Jahren vorausgesagt bei der legendären Aufstiegsfeier Anno 2016. Die größte (nationale) Fete findet wie üblich in Berlin statt – und diesmal sind die Rasenballsportler dabei: Champagner statt Bier im Pokalfinale.

Noch vor Kurzem galt ein Konzert von Helene Fischer als das Schlimmste, das dem „deutschen Wembley“ passieren konnte, jetzt also das Duell zwischen dem umstrittenen RB Leipzig und Rekordpokalsieger Bayern München. Die „11 Freunde“ mutmaßten schon, Ticketinhaber würden panisch versuchen ihre Tickets loszuwerden. Es sollte anders kommen, alle Tickets waren binnen kurzer Zeit vergriffen. So auch in Leipzig.

Dank der Ernennung zum OFC durften auch wir uns freuen: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin. Schätzungsweise 15-20 Schwabenballisten werden vor Ort sein, es dürften knapp mehr sein als bei unserem schönsten DFB-Pokal-Ausflug nach Aalen zum Dorfmerkingen-Spiel. A propos Dorfmerkingen: unsere Freunde wünschen uns bereits alles Gute für das Pokalfinale.

Es könnte die Chance sein, den ersten nationalen Titel des einzig wahren Rasenballsports mitzuerleben. Wer kann das schon von seinem Verein behaupten? Na gut, Wolfsburg. Aber sonst 😉 Der Verein hat schon verbal ausgeholt und verlauten lassen: „In München wärst Du nur einer unter vielen. Bei uns bist Du die Nummer 1“, gerichtet an den DFB-Pokal himself.

Und in der Tat wäre es verlockend, ausgerechnet dem FC Bayern, der so gerne im Stile eines verbitterten Verwaltungsangestellten die Titel in seiner Kladde lustlos abhakt und dann dennoch durchchoreographiert für seine Anhänger den Anschein einer Feier erweckt, diesen Titel abzunehmen. In einem Spiel ist alles möglich, hat im Vorjahr die Frankfurter Eintracht schließlich eindrucksvoll bewiesen.

Unsereins hat tief in den Kisten gekramt, um ein Anti-Shirt zur Illustration seiner Abneigung gegen den FC Bayern hervorgekramt, dass noch aus der analogen Zeit und insbesondere dem Zeitalter vor der Gründung des Rasenballsport Leipzig e.V. lag.

Kaum vorstellbar, dass so ein T-Shirt heute noch die Massen hinter dem Ofen vorlockt, wo doch unser Verein den Rekordmeister als Ziel der Kritik weit überflüüüüügelt hat.

Wobei sich die Rasenballsportler aktuell tatsächlich in sympathischer Umgarnung des eigenen Anhangs üben und den medial zerrissenen Hashtag „beflüüüügelt ins Finale“ auf den Phrasenfriedhof verbannt hat und nun zu „#wirpokalisieren“ übergangen ist.

Der geneigte Rasenballsportler kann da bereits Oberwasser spüren und mit dem Finger auf den Kontrahenten aus München zeigen:

„Die dämlichen Menschen, die sich Heimspiel für Heimspiel beim FC Bayern dafür hergeben, mit ihren Weißwesten bei Wind und Wetter das Telekom-Logo abzubilden – ha ha ha.“ (Zitat Schwabenballist Michael) 

Pssst, liebe RB-Manager, dass in dem Zusammenhang bloß keiner von dem „Leipzig-L“ erfährt 😉

Berlin ist für Rasenballsport Leipzig bekanntermaßen ein gutes Pflaster: die kürzeste Auswärtsfahrt, bei Hertha stets vor großer Kulisse mit Dank drei Punkte eingesammelt, es ist sozusagen das Lieblingsausflugsziel unseres jungen Vereins. Wohl wissend, dass es gegen den FC Bayern deutlich schwerer werden wird, darf ein gewisser Grundoptimismus mitfahren.

Für mich wie für alle Schwabenballisten ist es das erste Spiel in Berlin mit RB Leipzig. Für mich persönlich sowieso der erste Besuch im Olympiastadion. 1999 hätte ich mich auf Klassenfahrt abseilen können und Hertha gegen Chelsea in der Champions-League schauen können, es gab tatsächlich noch Karten. 20 Jahre später muss ich nicht mit gestrenger Lehrerin in ein drittklassiges Theater, diesmal darf es das Stadion sein.

Was uns erwartet, weiß noch keiner. Jeder schwärmt von der Atmosphäre eines Endspiels und ich hoffe, wir genießen den Moment vom Fanfest bis ins Stadion und wieder nach Hause. Wir haben die Chance, bei einem Stück Geschichte dabei zu sein und mit etwas Glück tatsächlich dem ersten Pokalsieger aus den neuen Bundesländern seit 1941 zuzujubeln (oder dem ersten österreichischen nach 1938, wie böse Zungen behaupten würden).

Genießen wir den Moment …

„Das kann uns keiner nehmen, lasst uns die Gläser heben“ (Revolverheld)